Reinjan Mulder in Amsterdam, © Ingvild Richardsen

Interview mit Reinjan Mulder in Amsterdam

Reinjan Mulders  „Schwefelwasser“ erschien im Sommer 2020 in der Reihe „Vergessenes Bayern“. In diesem Interview spricht der Autor mit Ingvild Richardsen, Herausgeberin der Reihe, über Erinnerungskultur, schuldige Landschaft und das deutsch-holländische Verhältnis.

 

Reinjan, du operierst in deinem Buch mit Armandos Begriff und Konzept von der „schuldigen Landschaft“.

Reinjan, dass du von dem niederländischen Künstler und Schriftsteller Armando beeinflusst bist, hängt damit zusammen, schreibst du, dass du als Redakteur in der Kunstredaktion der Tageszeitung NRC Handelsblatt mit ihm zusammengearbeitet hast. Wie war das?

Ich war damals einer seiner Redakteure bei NRC. Von 1980 bis 1983 hatten wir oft Kontakt, bis ich zum Sozial und Culturel Planungs Buro (SCP) ging. Armando war im Sommer 1980 von der DAAD eingeladen ein Jahr nach Berlin zu kommen, wo er das Atelier von Arno Breker erhielt, der bekannte Nazi-Künstler, und als  wir dann mit ihm über eine Kolumne sprachen, hatten wir gesagt, er konnte frei über alles schreiben was er wollte, aber bitte NICHT über den Krieg. Da hat er gesagt: Ach, ich schreibe NUR über den KriegWir haben dann gelacht, und geantwortet: Naja, das ist natürlich auch gut. Also schrieb Armando auch für uns weiter über den Krieg. Als Kind hatte er während die deutsche Besatzung in der Nähe des Polizeilagers Amersfoort gewohnt und wurde schon früh Augenzeuge der Einlieferungen und des Abtransports von Gefangenen. Ohne genau zu wissen, was sich hinter dem Stacheldraht abspielte, machte er sich so ein Bild von Krieg und Besatzung, von Täter- und Opferrolle. 1962 hat er dann zusammen mit einem Kollega beim Magazin Haagse Post das Buch De SS-ers veröffentlicht, eine Reihe von Interviews mit ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS in den Niederlanden. Nur ihre Monologe, ohne beigegebenen Kommentar. Das hat direkt zu großem Aufsehen und heißen Diskussionen geführt, weil diese Leute bei uns nie mehr etwas gefragt war. Armando sagte, er war neugierig was und wie solche Männer dachten.

Fünf Jahre schrieb Armando also später seine Kolumnen „Aus Berlin“ für uns, über Menschen die er dort begegnete und ihre Erinnerungen, und über Ruinen und Bauwerke, die noch vorhanden waren, und was dort geschehen war. Kurz, sachlich und ohne viel Kommentar.

Als er uns seine Kolumne gesendet hatte, rief er oft noch an. Ich kann mich die Gespräche noch gut erinnern. Als ich dann sagte, sein Text war gut angekommen und hat uns gefallen, dann erzählte er, was ihm die vorangegangenen Tage in Berlin noch aufgefallen war. Ein fremdes Gebäude, eine alte Frau die etwas erzählt hatte. Und dann schwieg er lange.  

Kurz bevor er 2018 in Potsdam starb, wo er wieder einen Atelier hatte, haben wir uns noch einmal in Amsterdam getroffen, Kaffee getrunken und uns an alte Zeiten erinnert. Ich merkte, der Krieg war noch immer in seinem Kopf, und er konnte ihm noch immer nicht verstehen.    

Tatsächlich hat Armando durch seine Kolumne und Gemälde wie kaum ein anderer immens zum gegenseitigen Verständnis zwischen Deutschland und den Niederlanden beigetragen. Es gibt eine Dissertation über ihm, von Britta Bendieck, in der sie zeigt, wie wichtig Armando für die deutsch-niederländischen Verhältnisse ist. Sie sagt er war damals der ideale Kulturvermittler zwischen unsere beiden Länder.  

 

Von einigen Nachkommen Adriaan Stoops und auch von einen Rezensent wird dir eine forcierte Anwendung von Armandos Konzept der „schuldigen Landschaft“ vorgeworfen – dass du die Beladenheit von Bad Wiessee übertreibst, insbesondere die von Haus Jungbrunnen. Macht die Verhaftung von Ernst Röhm, die in der Nähe von Haus Jungbrunnen stattgefunden hat, diesen Ort und seine Umgebung wirklich zu einem schuldigen Haus, zu einer schuldigen Landschaft? Oder die Tatsache, dass Haus Jungbrunnen von Alois Degano, dem späteren Hitler-Architekten, entworfen wurde? Muss man nicht eher von „schuldig gemachten Landschaften“ sprechen? Tatsächlich ist es ja der Mensch, der seine Verbrechen einem Ort, einer Landschaft auflädt?

Wer Armandos Idee und Konzept einer „schuldigen Landschaft“ bestreitet, begreift nicht, dass dieser Begriff eine Metapher ist, um damit auszudrücken, was man nur schwer vor Augen führen kann. Armando ist ein Dichter und Künstler und er spielt mit Wörter. Die Spannung entsteht doch erst, wenn man etwas sagt, was auf den ersten Blick nicht ganz offensichtlich ist, was paradox ist und etwas Poetisches hat. „Der kalte Krieg“ war auch nicht kalt, und doch verstehen wir was damit gemeint wird.

Natürlich sind die Menschen schuld und nicht die Landschaft, wenn etwas schreckliches geschieht, aber wenn die Menschen gestorben sind, bleibt nur noch die Landschaft, die uns erinnert an was dort geschehen ist. Mit der Landschaft kommen die Geschichten.

In eine seiner Kolumne für uns hat Armando über einen Aufenthalt in England geschrieben, in Norfolk, wo während des Kriegs die englischen Bombenflieger aufstiegen, um nach Deutschland zu fliegen. Auch das war für ihn eine „schuldige Landschaft“. Gerade in dieser Kolumne hat er ganz klar definiert, was für ihn eine schuldige Landschaft ist: „Eine Landschaft, die Geschehen sah, denn in Landschaften, in der herrlichen Natur, finden oft die grausigsten Aufführungen statt. Schlachten. Meuchelmorde. Mann gegen Mann. Bau und Instandhaltung von Lagern. Baracken. Orte zum Quälen wehrloser Geschöpfe. Die besagte Landschaft hat sich nie darum gekümmert, ist sogar so schamlos gewesen, einfach weiterzuwachsen“.[1]

Auch wenn ich in Amsterdam durch die Straßen der Stadt gehe, kommen mir zahlreiche Geschichten über viele dieser Gebäude in der Kriegszeit in den Sinn. Ich kann dann beschreiben, was ich gerade sehe, Häuser, aber auch welche Erinnerungen ich fühle und an welche Geschichten ich über die Gebäude kenne. So entsteht eine Spannung, zwischen Sachen und Wörter.  

Ohne zu urteilen und viele Emotionen zu zeigen, hat Armando in seine Kolumne solche Geschichten aufgeschrieben. Ähnlich habe ich versucht in Schwefelwasser zu schreiben was ich 1966 und 2012 in Bad Wiessee sah, ein schönes Dorf, ein See, was ich später darüber in Archiven gefunden habe, was mir die Menschen dort erzählt haben, und was ich bei solchen Geschichten fühle.

 

Abgesehen von Armando hat dich in deinem Schaffen auch der aus Bayern stammende Schriftsteller W.G. Sebald beeinflusst. In der Zeit, als du Literaturredakteur bei NRC Handelsblad warst, hattest du ihn zuhause in England interviewt und du hast auch später noch über ihm geschrieben. Was hat dich an ihm fasziniert? Inwiefern war er für dich und dein Buch ein Vorbild?

Sebalds Bücher weisen eine ganz eigene literarische Form auf, in denen er Geschichte, Wanderungen, Stimmungen, Begegnungen, Architektur und Landschaft miteinander verknüpft. Anders als Armando ist er nicht nur ein registrierender, sondern ein emotionelle, suchender Autor.

Seinen Namen hörte ich zum ersten Mal als ich 1990/91 an einem Seminar über englische Literatur in Cambridge teilnahm. Mann sagte mir dass es an der Universität Norwich einen deutschen Schriftsteller gäbe, der von Hans Magnus Enzensberger in seine schöne Buchreihe Die Andere Bibliothek im Eichborn Verlag aufgenommen worden sei. Nach Hause zurückgekehrt kaufte ich zwei seiner Bücher: Schwindel. Gefühle (1990) und Die Ausgewanderten (1992). Beide waren bei uns beim progressiven Van Gennep Verlag erschienen, in einer Reihe in der sich große literarische Namen wie György Konrad en Peter Nadas fanden.

Sebald nahm mich damals nicht sofort ein, aber das änderte sich, als 1995 sein neuestes Buch erschien: Die Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt. In ihm ging es um eine Wanderung durch East Anglia, das ich gut kennte, weil mein Vater dort ein Haus an der englischen Küste gekauft hatte. Ich war gespannt, was wohl ein Deutscher über diese Landschaft geschrieben hatte, in der ich so häufig spazieren gegangen war, und das, wie Armando schon schrieb, auch eine schuldige Landschaft war. Harwich, wo meins Vaters Haus stand, war im Zweiten Weltkrieg ja ein wichtiger Kriegshafen, und in der Nähe waren Tausende tödliche Bomber stationiert, die jede Nacht nach Deutschland flogen, in einem Luftkrieg wo viele Tausende Engländer und viele Hunderttausende Deutsche starben.

Als ich Sebalds Ringe des Saturn las, stellte ich überrascht fest, dass er in ähnlicher Weise diese Gegend sezierte wie dies Armando zuvor getan hat. Sebalds Buch beeindruckte mich ebenso viel als  Armando, mit der Schilderung der Wanderungen, die er in dieser Landschaft unternommen hatte, mit seinem Interesse an der Geschichte des hier Vorgefallenen und den Spuren, die das Geschehene in dieser Landschaft hinterlassen hatte und ich beschloss, ein Interview mit ihm zu machen, sobald ich wieder nach England fahren würde.

Sebald empfing mich sehr freundlich in seinem Haus in Poringland bei Norwich, ein ehemaliges Pastorenhaus und erzähle mir dass die eine große Wanderung die er beschrieb, tatsächlich sehr viele Wanderungen waren, die er während ein ganzes Jahr unternommen hatte.

Nach zwei Stunden Interview und Gespräch sagte er, er sei leider sehr müde und deprimiert, ja, unfähig weiterzusprechen. Er machte einen langen Spaziergang mit seinem Hund, während seine Frau mich zurück nach Norwich fuhr. Sie erzählte, ihr Mann war oft depressiv. Das schreiben war ihm schwer. 

Später, im Januar 2002, war ich völlig schockiert, als ich erfuhr, dass er mit 58 Jahre am 15. Dezember 2001 bei einem Autounfall verunglückt war. 2012 und 2019 bin ich dann wieder zurückgegangen nach Norfolk um mehr über ihm und seine Landschaft zu schreiben und sein Grab in Poringland zu besuchen. 

Ähnlich wie Armando und Sebald habe auch ich in Schwefelwasser einen halb rekonstruierten Spaziergang von sieben Tage durch eine geschichtlich belastete Landschaft unternommen: am Ufer des Tegernsee. Dort habe ich meine eigene Vergangenheit und die von Bad Wiessee beschrieben, und unterwegs erzählt, wie es dort zu verschiedenen Zeiten war, was Menschen mir darüber erzählten und welche Erinnerungen sie noch hatten. Und ähnlich wie Sebald in seiner „englischen Wallfahrt“, nicht wußte, wie man mit den schrecklichen Ereignissen des 20. Jahrhunderts umgehen soll, so weiß auch ich das auch noch immer nicht.

 

In meinem Nachwort habe ich dein Buch als Egodokument bezeichnet. Wie siehst du das selbst?

Armando und Sebald brachten beiden ein Genre auf, das zwischen Literatur im eigentlichen Sinne und Sachbüchern liegt. Auch ich tue das. Eigentlich hatte ich zuerst vor, einen Roman über Bad Wiessee zu schreiben, über das Erinnern und die Vergänglichkeit der Zeit. Ich wusste auch nicht ob ich noch viel Faktisches finden konnte. Es war dann aber tatsächlich der Aufenthalt in die Archiven, der mich zu dem Entschluss führte, doch besser eine Art literarisches Sachbuch zu schreiben. Es gab noch so viele interessante Zeugnisse die ich zitieren möchte.

Von Anfang an ging es mir aber um das Thema der Erinnerung, das Vergehen der Zeit und um den Wechsel von Perspektiven, und dazu kam dann das Verhältnis zwischen Landschaft und realen Menschen, die architektonisches Erbe, um Erinnerungskultur.

Als ich dann endlich auch noch Stoops Urenkelin Henriette van Voorst Vader (1936) traf, die mir viel aus eigene Erinnerung erzählen konnte, überlegte ich, wie ich auch ihre Zeit in Haus Jungbrunnen, ihre Perspektive berücksichtigen könne, und auf welche Weise ich die deutsch-niederländischen Beziehungen so behandeln könne, wie sie noch nie beschrieben war. Tatsächlich fanden wir beiden den Wechsel der Perspektiven nach siebzig und fünfzig Jahre interessant. Wie ändert sich der eigene Blick im Laufe der Zeit und unter verschiedenen Umständen? Wie ist der Blick in der Jugend? Wie ist er im Alter? Was ändert sich und warum ändert es sich?

Ja, mein Buch kann man ein Egodokument nennen, aber ich bin nicht der einzige Zeuge ins Buch. Es gibt sehr viel „ich“, in jedem Kapitel, aber ich zeige auch andere Perspektiven. Ich zitiere viele Dokumenten von andere Leute und beschreibe meine persönliche Gefühle und Erinnerungen, aber manchmal auch die von anderen.

Wichtig für mich war in ein Egodokument wie Schwefelwasser, alles so richtig wie möglich zu beschreiben. Ich habe also auch immer versucht, meine Gefühle und die meiner Eltern, und meine Erinnerungen und die meiner Freunde und Bekannten so ehrlich wie möglich zu schildern, so wie wir sie, jetzt, noch erinneren. Und ich lasse mich gerne korrigieren, wenn es Fakten im Buch gibt, die nicht richtig sein.   

 

Was siehst du als den Kern deines Buchs an? Nachkommen von Adriaan Stoop werfen dir vor, Kern deiner Geschichte sei nur das Kurbad in der Nazi-Zeit und die Haltung der Familie gegenüber dem Nationalsozialismus.

Das war nicht meine Absicht. Von Anfang an interessierte mich die gesamte Geschichte und Entwicklung des Jodschwefelbads, alles, was damit verbunden war: die Bohrungen nach Erdöl, die Figur von Adriaan Stoop, das Baden, die bayerische Architektur, die Familie von meiner Klassenfreundin Reinet van Haeften, die Unterschiede zwischen ihrer und meiner Familie, und dazu meine eigene Entwicklung. Natürlich gehört dazu in Deutschland dann auch die Kriegszeit. Aber nicht weil ich Vorwürfe wollte formulieren, ich wollte es erstens beschreiben. Man kann nicht über Geschehnisse in Deutschland im 20. Jahrhundert schreiben und den Nationalsozialismus und die Kriegszeiten außer Acht lassen, gerade wenn diese Zeit für den beschriebenen Gegenstand eine große Rolle gespielt hat. 

Als ich Henriette van Voorst Vader das erste Mal traf und ihr später das erste Kapitel schickte, merkte ich dass sie die anti-deutsche Haltung meines Vaters sehr interessant fand. Ja, so war das damals. Sie fing dann an, von ihrem kollaborierende Vater zu erzählen und ihrem Mann, der noch immer anti-deutsch war. Ohne Scham und Vorwürfe. Das ist doch interessant, wie so etwas in eine Familie möglich ist.

Ohne Henriettes Erzählungen hätte ich vieles in meinem Buch nicht so geschrieben, wie ich dies getan habe. Darum war ich überrascht, dass andere Nachkommen von Adriaan Stopp so erschrocken waren. Sie kannten die Geschichten doch auch. Schon 2018, bei einer Familiereunion, habe ich ihnen schon etwas davon erzählt und dann haben sie mir noch neue Anekdoten geliefert.  

Natürlich hat der alte Adriaan Stoop selbst keine aktive Rolle in die Nazizeit gespielt, weil er ja bereits 1935 starb. Aber wenn wir uns jetzt in den Niederlanden beschäftigen mit dieser Zeit, stellt sich immer wieder die Frage: Wie war das alles möglich? Rückblickend war dann das, was dem Krieg ideologisch vorausging, die Voraussetzung. Dies ist der Grund, warum ich in meinem Buch auch etwas über die politischen Aktivitäten von André Driessen und der Familie Stoop in den 1930er-Jahre geschrieben habe, über ihre Haltung und ihre Kontakte damals zu bestimmten, konservativen Kreisen in Bad Wiessee und Berlin.

Wenn du mich heute, im Jahr 2020, über die Schuld und Verantwortlichkeit der Stoops fragst, denke ich, dass es im Nachhinein der größte Fehler von Adriaan Stoop und seinem Baddirektor André Driessen war, dass sie in Bad Wiessee 1935 die Nazi-Landschule mit möglich gemacht haben. Wenn man dazu beiträgt, dass so eine Institution gebaut wird, trägt man mehr Schuld als die junge Schüler, die dort zwischen 1935 und 1945 nach der NS-Ideologie erzogen wurden. Und Stoop wusste damals genau, was er tat, weil er zuhause die vertraulichen „Führerbriefe“ aus Berlin geschickt bekam. Außerdem war schon 1934 Bürgermeister Sanktjohanser bei ihm gewesen und hatte ihm erzählt, er befürchte, bald in einem der Konzentrationslager inhaftiert zu werden. Adriaan Stoop war nicht naiv.

Der Fehler Driessens in dieser Zeit war, dass er immer bereit war, Geld zu spenden: für das NS-Fliegerkorps, für die Winterhilfe, die Hitler-Spende – auch wenn das damals vielleicht normal war, im Deutschland der 1930er-Jahre. In meinem Buch bin ich hier mit meinem Urteil aber sehr zurückhaltend. Ich beschreibe alles mehr als dass ich verurteile, und nur kurz. Aber je mehr ich jetzt darüber nachdenke, desto mehr verurteile ich sie.

 

Hinsichtlich der Geschichte von Bad Wiessee, von Haus Jungbrunnen, Adriaan Stoop und der Zeit des Nationalsozialismus stellst du in deinem Buch spezifische Gedankenexperimente an. Wenn Adriaan Stoop 1910 nicht das Jodschwefelwasser gefunden hätte, schreibst du, wäre Bad Wiessee nicht der bevorzugte Kurort der Nazis geworden, und die „Nacht der langen Messer“ hätte nicht stattgefunden, wodurch die Weltgeschichte eine ganz andere Wendung hätte nehmen können.

Die Urenkelin Stoops Michaja Langelaan wirft dir hier Spekulation und eine skurrile „What if“-Logik vor. Meinst Du solche Spekulationen ernst? Muss man dann nicht überall bei Adam und Eva als Ursache anfangen?

Das alles ist ein Gedankenspiel. Das schreibe ich selbst auch. Es ist Übertreibung, Ironie, eine Kausalität ad absurdum. Das sieht jeder. Die „What if“-Frage ist ein Spiel, das Schriftsteller schon lange spielen. Es sind Gedanken, die man sich immer wieder macht, wenn man sich die oft absurden, geschichtlichen Zusammenhänge vor Augen führt.

Aus der Meteorologie kennen wir den „Schmetterlingseffekt“. Die Idee, dass die minimale Bewegung eines Schmetterlings auf der anderen Seite der Welt eine Katastrophe verursachen kann. Auch sehr kleine Ursachen können anderswo große Folgen haben. Aber dass das so ist, dafür verurteilt man den Schmetterling natürlich nicht.

Es ist die Absurdität geschichtlicher Verläufe, auf die ich auch hier hinweisen wollte, die Rolle des Zufalls, die Multikausalität der Dinge. Als Jurist habe ich mich schon früh mit Kausalitäten beschäftigt, und ich weiß, dass man im Recht nur Schuld an den Dingen oder Geschehnissen trägt, deren fatalen Verlauf man tatsächlich hätte absehen und anders angehen können. Es gibt sehr komplizierte Theorien darüber, was man einem Menschen vorwerfen kann und was nicht.

Aber hier geht es nicht um das Recht. Es gehört zu unserer Kultur, uns immer mit der Rolle des Zufalls, mit absurden Kausalitäten zu beschäftigen. Was wäre gewesen, wenn ich 1966 nicht nach Deutschland gefahren wäre? So frage ich auch: Was wäre gewesen, wenn Röhm nicht 1935 getötet worden wäre? Was, wenn der Architekt Degano Hitler nicht am Tegernsee getroffen hätte? Das sind interessante und instruktive Gedankenexperimente, die auch ein Schriftsteller wie Philip Roth gemacht hat in seinem schönen Buch The plot against America: was wäre gewesen, wenn America Hitler unterstützt hat?

 

Nun möchte ich noch auf das Ausradieren der Erinnerungen an die Niederländer in Bad Wiessee zu sprechen kommen. Adriaan Stoop ist hier fast vergessen, was du am Ende deines Buchs thematisiert. Du beschreibst bis zum letzten Kapitel die Lage in Bad Wiessee, wie du sie zwischen 2012 und 2016 vorgefunden hast, unwissend, ob Haus Jungbrunnen noch existierte und ob sich das Bad weiterentwickelt hatte. Erst ganz am Ende, im Jahr 2017/18 angekommen, sagst du kurz – als Post Scriptum – etwas darüber, was in Bad Wiessee alles verschwunden ist. Du thematisierst die Erinnerungskultur, schreibst über das Vergessensein der Niederländer und den Abriss aller Gebäude, die an sie erinnert haben. Wie erklärst du dir dieses Auslöschen der Erinnerungen an die Niederländer in Bad Wiessee? Warum ist Stoop jetzt so unbekannt?

Tatsächlich ist Adriaan Stoop heute fast überall unbekannt, nicht nur in Bayern, sondern in ganz Deutschland und auch in die Niederlände. Das ist seltsam, denn er war im wahrsten Sinne des Wortes ein genialer Schatzgräber. Stoop  war der Mann, der Deutschlands berühmteste Jodschwefelquelle entdeckt hat und dem es in Bad Wiessee gelungen ist, für hundert Jahre ein niederländisches Imperium aufzubauen. Außerdem war er einer der Mitgründer von Shell. Als 1995 in den Niederlanden die erste Biografie über Adriaan Stoop erschien, war er schon fast vergessen, aber noch in den 1920er- und 1930er-Jahren hat Stoop in den Niederländen zu den Helden des kolonialen Reichs gehört. Henriette van Voorst Vader, die Biografin, hat mir damals erzählt, dass es 1995 viel Leute des Shell-Unternehmens waren, die das Buch gekauft oder als Geschenk bekommen haben. 

Wichtig ist das in Bayern das Kurbad in Bad Wiessee tatsächlich nichts anderes als eine Art niederländische Kolonie war, die jetzt wird „dekolonisiert“, mit allem, was dazugehört. Es gibt ja interessante Parallelen mit der viel großere, niederländische Dekolonisation, als Niederländisch-Indien sich zu Indonesien entwickelte. Auch dann versuchte man lang die Geschichte zu vergessen und gibt es jetzt Streit über die Fakten.  

Adriaan Stoop und viele aus seiner Familie sind damals steinreich geworden in Niederländisch-Indien, der heutigen Republik Indonesien, weil er dort Öl fand und auch die ganze Familie, dank des späteren Shell-Unternehmens, viel Geld damit verdienten. Und als sie später in Deutschland Jodschwefelwasser fanden, geschah dasselbe.  

Natürlich haben die Niederländer auch viel Gutes getan, in Niederländisch-Indien und in Deutschland am Tegernsee. Sie haben ein halbes Dorf gebaut, für Arbeit und Reichtum gesorgt, sie haben das Land entwickelt – aber dennoch wollten und wollen die Ureinwohner das alles in beiden Fällen irgendwann vergessen. In Niederländisch-Indien wurden die Niederländer zwischen 1945 und 1949 mit Gewalt rausgeschmissen und in Bad Wiessee etwas freundlicher zwischen 2000 und 2010. Der Name der früheren Hauptstadt von Niederländisch-Indien, „Batavia“, wurde wieder zurück zu „Djakarta“ verändert und man denkt dort heute auch nicht mehr allzu gern zurück an die koloniale Zeit. Und genau wie zuvor in der neuen Republik Indonesien die Geschichte des Landes aufs Neue geschrieben wurde, passiert das jetzt in Bayern, in Bad Wiessee. So etwas gibt immer Streit.

Selbstverständlich gibt es auch Unterschiede zwischen der niederländischen Kolonie in Indonesien und Bayern: Mit der politischen Entwicklung in Bayern im 20. Jahrhundert hatten die Niederländer weniger Umstände und Schwierigkeiten als sie dies zuvor in Niederländisch-Indien hatten. Doch in beiden Fällen gab es meist auch eine gute Zusammenarbeit mit den ortsansässigen Reichen und Machthabern. Dies bedauert – oder vergisst – man jetzt vielleicht ein bisschen. Stoop und Driessen wussten, wie sie in den 1930er- und 1960er-Jahren mit ihren Geschäften Profit machen konnten, so wie die Niederländer dies im 18. und 19. Jahrhundert schon in Indonesien gewusst hatten: 1935 war das bis dahin beste Jahr für das Jodschwefelbad. Mit einer neuen, durch die Nationalsozialisten geförderten Wandelhalle, einer neuen von Himmler eröffneten Schule für die Wiesseer und vielen Tausenden „Kraft durch Freude“-Besuchern für Stoops Bad. Auch in den 1960er- bis 1980er-Jahren boomte das Bad wieder.

Jetzt is das definitiv vorbei. In Bad Wiessee hat man heute tatsächlich alle Gebäude der Niederländer abgerissen: die große Direktorenwohnung von André Driessen, das Landhaus Haus Jungbrunnen und auch das monumentale Kurgebäude. Nur die zwei kleinen ältesten Gebäude mit den Pumpen sind jetzt noch da. Sie sind aus Holz gebaut, haben auch etwas Ländliches. Es ist auch gut, dass wenigstens sie erhalten sind, weil das der Ursprung des Badens in Bad Wiessee ist. Ansonsten hat man nur die rein deutschen Bauten von Bruno Biehler und anderen behalten.

Bis heute erhalten sind noch die niederländischen Namen dreier Straßen: Die Adriaan Stoop-Straße, Driessenstraße und Wilhelminastraße. Aber wie lange noch? Wo gibt es jetzt noch ein Bild von Adriaan Stoop in Bad Wiessee zu sehen?

In meinem Buch schreibe ich am Anfang darüber, wie wir Niederländer 1966 noch immer als die „Herren von Haus Jungbrunnen“ gesehen wurden. Und ja, das gab es einmal tatsächlich: niederländische Herren, die in Bayern ein halbes Dorf besaßen, mit viel Personal und, ja, auch einem eigenen Orchester.

 

[1] Zitiert nach: Armando: Wärme der Abneigung, 1987, S. 120-121.

Impressionen

Reinjan Mulder in Amsterdam, © Ingvild Richardsen
Reinjan Mulder

© Ingvild Richardsen

Ingvild Richardsen, © Daniel Biskup
Ingvild Richardsen

© Daniel Biskup

Reinjan Mulder und Ingvild Richardsen im Tropenmuseum in Amsterdam. Dazwischen  die Statue von Adriaan Stoop.
Reinjan Mulder und Ingvild Richardsen im Tropenmuseum in Amsterdam. Dazwischen die Statue von Adriaan Stoop.