Eselwanderung 001, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Andreas Vogt

Eselwanderungen

Das Tempo herausnehmen, mit Eseln entschleunigt durch die Landschaft spazieren und dabei die sympathischen Langohren und sich selbst ein bisschen besser kennenlernen – das ist das Konzept von Andreas Vogt vom „Eseltreff am Tegernsee“. Er bietet geführte Eselwanderungen an. Im Interview erklärt er, warum Esel keinesfalls „störrisch“ sind und was wir von ihnen lernen können. Er erzählt, was Gäste seiner Eselwanderungen erleben – und wie er mit Yaks, Wasserbüffeln und Ziegen naturverträgliche Landschaftspflege betreibt.

Steckbrief:
Name: Andreas Vogt
Geburtstag: 02.11.65
Geburtsort: Reutlingen
Wohnort: Tegernsee
Worum geht’s? Eselwanderungen im Bergsteigerdorf
Superpower: Tierflüsterer

Wie bist du auf „den Esel“ gekommen?

Inspiriert hat mich vor vielen Jahren ein Bericht im Fernsehen über einen Franzosen, der mit seinem Esel und einem Muli alte Handelswege quer durch Europa gegangen ist. Damals habe ich in Bonn gelebt und dort gab es eine alte Mühle, die war noch ganz traditionell in Betrieb, ohne Lastenlift: Esel haben die Getreidesäcke über eine Stiege hinaufgetragen. Schon dort hatten mich die Tiere fasziniert – ich wollte sie aber nicht als Lastentiere, sondern zur Landschaftspflege und zum Gehen. Daraus sind schließlich die Eselwanderungen entstanden. 

Wie alt werden Esel?

Zwischen 40 und 50 Jahre – das älteste Muli bei der Gebirgsjägerkompanie in Bad Reichenhall war 78 Jahre alt. Esel anzuschaffen, ist eine Entscheidung fürs Leben. Du kannst sie nicht einfach wieder abgeben, du wirst Teil der Herde. Meine Esel habe ich so ausgewählt, dass wir zusammen alt werden.

„Du dummer Esel“ heißt es manchmal umgangssprachlich, und „störrisch wie ein Esel“. Sind Esel so, wie es der Sprachgebrauch nahelegt?

Ein Irrtum. Esel sind nicht störrisch, sondern vorsichtig. Sie gehen immer auf 100 Prozent Sicherheit. Wenn ich einen Weg gehen möchte und der Esel möchte erst die unbekannte Situation analysieren, bleibt er so lange stehen, bis er alles eingeordnet hat. Vorher lässt er sich nicht von der Stelle bewegen. Einmal sind die Esel stehengeblieben, als aus dem Wald ein Traktor kam – an sich nichts Ungewöhnliches. Aber er zog Baumstämme hinter sich her. Die Esel hat das Schleifgeräusch irritiert, lange bevor ich es wahrgenommen habe. Erst als sie gesehen haben, was es ist, gingen sie weiter.

Was ist das Besondere an Eseln? Was zeichnet sie aus?

Sie sind loyal und haben ein großes Herz. Es ist beinahe unerklärlich, was die Esel mit den Menschen machen, da läuft etwas im Schwingungsbereich ab. Die Esel schaffen durch ihre Art einen Ausgleich – egal welches Thema die Leute mit sich herumschleppen: Stress, Trauer, Zwänge. Ich hatte bei der Eselwanderung schon Gäste dabei, die sich nicht schmutzig machen wollten, aber am Ende haben sie „ihren“ Esel herzlich umarmt.

Eselwanderung 002, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Eselwanderung 002

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Wann hast du mit den Eseln angefangen?

Das war 2008. Ich war mittlerweile von Bonn an den Tegernsee gezogen und mein Traum war immer noch, mit Eseln zu arbeiten. Am 8. September steckte in meinem Briefkasten das „Gelbe Blatt“ mit einer Anzeige, dass ein Esel zu verkaufen ist. Ich war der Einzige, der sich darauf gemeldet hat. Das war der Caruso. Im Jahr drauf kam der nächste. Die Bedingung der Besitzerin war: „Ich verkaufe Ihnen den Esel nur, wenn er sie haben möchte.“ Sie hatte vier Tiere und wir kamen aufs Feld: „Wer von euch möchte mit Herrn Vogt mitgehen?“, fragte sie. Da hob Dumbledore seinen Kopf und kam auf mich zu.

Inzwischen hast du fünf Esel – jeder hat seine eigene, unverwechselbare Persönlichkeit?

Dumbledore ist ein reiner Irischer Esel mit typischem geflecktem Fell, mittelgroß und der Chef der ganzen Truppe. Caruso ist größer – ein grauer, deutscher Hausesel. Er stolpert, ist ungeschickt und ein Hans-guck-in-die-Luft. Dann habe ich zwei Zwergesel, Jana und Bella. Jana hat auch das typisch gefleckte Fell vom Irischen Esel. Bella ist ein grauer Esel mit schwarzer Nase. In früheren Zeiten wäre sie ein typischer Schmuggler-Esel gewesen, weil ihre Nase nachts nicht leuchtet. Ludwig ist ein Großer Katalane und sanftmütig. Und dann gibt es noch ein spanisches Muli, Elli. Sie ist eine Kreuzung aus Großem Katalanen und dem Charakter nach muss noch ein „Feuerpferd“ reingekreuzt sein. Sie ist bei den Gebirgsjägern unter Haflinger aufgewachsen und hält sich für einen Haflinger.

Kannst du sie am I-a Schrei erkennen?

Ja, alle! Beispielsweise schreit Ludwig wie eine Schiffsirene und Dumbledore hat einen lauten, langanhaltenden Schrei, mit dem er morgens um sechs Uhr die ganze Umgebung aufweckt.

Was erwartet die Leute, die eine Eselwanderung buchen?

Der Mensch gibt nicht mehr die Geschwindigkeit an, mit der er angekommen ist oder die typisch für ihn ist. Wenn wir starten, weiß der Esel nicht, wo wir hingehen und wie lange es dauern wird. Deshalb wählt er eine Geschwindigkeit, mit der er gleichmäßig den ganzen Tag gehen kann. Wichtig ist festes Schuhwerk und die Bereitschaft, auch ein bisschen schmutzig zu werden, weil die Esel sich gern im Staub wälzen, aufgrund der natürlichen Fliegenabwehr. Auch das Kuschelbedürfnis von Esel und Mensch ist nicht zu unterschätzen. Das ist beiderseitig, auch wenn man sich das zuvor nicht vorstellen kann, und wächst mit der Tour. Außerdem wettergemäße Kleidung, etwas zu trinken, Insektenschutz.

Eselwanderung 003, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Eselwanderung 003

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Die Tour beginnt mit dem Striegeln der Tiere…

Das ist der erste Kontakt. Dabei zeigt sich meist schon, wer mit welchem Esel gehen wird. Völlig unbewusst suchen sich die Leute immer den Esel raus, der ihren Charakter oder ihren Typ widerspiegelt. Außerdem ist das bereits der erste Moment, wo man mit Staub und Haaren in Berührung kommt. Deshalb ist das nicht geeignet für Menschen mit Tierhaarallergie!

Warum werden die Esel am Strick geführt und nicht geritten?

Es geht ums Führen. Reiten ist mit Eseln nicht gut möglich, weil sie abrupt stoppen, wenn etwas Unvorhergesehenes am Weg liegt – wesentlich schneller als Pferde. Gleichzeitig können sie um 90 Grad abbiegen. Der Mensch würde der Schwerkraft folgend einfach drüber rutschen, denn der Esel besitzt keinen Rist wie ein Pferd. Das viel schönere Erlebnis ist aber sowieso das Gehen neben dem Esel, auf Augenhöhe. Erst das macht was mit seinem Menschen, der ihn führt. Es entsteht ein Team.

Warum ist die Eselwanderung ab 7 Jahren?

Zunächst, weil wir ein gewisses Tempo haben. Die Esel laufen etwa drei bis fünf Stundenkilometer. Kleine Kinder sind aber völlig überfordert, weil sie die Esel nicht „halten“ oder „führen“ können.

Warum haben Esel so lange Ohren?

Weil sie über drei Kilometer Geräusche wahrnehmen können – über Jahrhunderte war das überlebenswichtig, beispielsweise zu hören, wenn ein Wolfsrudel kommt. Wenn wir am rauschenden Söllbach entlanggehen, können sie von Weitem das Knirschen eines Fahrradreifens auf dem Kies hören. Ich höre den Radfahrer erst, wenn er da ist. Sie können die Ohren fast in einem 80-Grad-Winkel drehen. Wenn man neben dem Esel geht, richtet er ein Ohr auf dich und alles, was du sagst, das andere Ohr dreht er komplett zur Gruppe, die vorn oder hinten geht.

Für wen und in welchen Lebenssituationen eignet sich eine Eselwanderung?

Für alle, die Tiere mögen und sich gern in der Natur bewegen. Vor allem gestresste Menschen schalten einen Gang herunter. Das passiert automatisch mit dem Schritttempo, dem wir unbewusst unsere Atmung anpassen. Außerdem ist es eine gute Erfahrung für Menschen in schwierigen Lebenssituationen und in der Trauerarbeit. Sie gehen oft sehr still neben dem Tier her, ich ermuntere sie dann, ruhig mal mit dem Esel zu reden. Und der „antwortet“ dann auch. Man kann Esel für die unterschiedlichsten therapeutischen Fälle hernehmen. Ein Pferd fordert und will bewegt werden, der Esel hingegen begreift fast intuitiv, was für Themen anstehen.

Eselwanderung 004, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Eselwanderung 004

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Eselwandern wird auch gern zur Teambildung von Unternehmen gebucht?

Du hast in der Eselgruppe alles drin, was auch ein Arbeitsteam ausmacht: einen Chef und einen, der vorneweg prescht. Den liebenswert-schusseligen, einen stillen, der alles mitmacht, und zwei Mädels, die nicht das tun, was du willst. Die Esel-Konstellation ist gut auf jede Teamsituation zu übertragen.

Was passiert dabei?

Ein Beispiel: Erfolgsorientierte Menschen wollen immer vorn laufen und versuchen, den Esel mitzuziehen. Irgendwann bemerken sie, dass es besser geht, wenn sie neben dem Esel laufen – auf Augenhöhe. Auf dem Heimweg wechseln wir durch. Wenn erfolgsorientierte Typen dann einen Esel führen, der aus Vorfreude auf den Stall stur sein Tempo rennt, erleben sie plötzlich, dass sie nicht mehr hinterherkommen. Das ist manchmal ein Aha-Erlebnis – auch in Bezug auf Teamführung. Durch das Wechseln der unterschiedlichen Eselpersönlichkeiten merken die Teilnehmenden, dass jeder anders arbeitet und erfahren zugleich viel über sich. Ganz unabhängig davon ist es ein schönes, gemeinsames Erlebnis.

Eselwandern macht glücklich?

Die Esel zaubern allen ein glückliches Grinsen ins Gesicht: den Teilnehmerinnen und Teilnehmern beim Eselspaziergang, aber auch allen Entgegenkommenden, Wanderern, Radfahrern, Spaziergängern jeglichen Alters – das kann man immer wieder beobachten.

Eselwanderung 005, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Und was brauchen Esel zu einem glücklichen Leben?

Ein Leckerli, ein offenes Ohr und eine nicht zu fette, üppige Weide, weil sie keinen natürlichen Futterstopp haben. Sie lieben es auch, gekrault zu werden.

Den traditionellen Rosstag in Rottach-Egern gibt es seit über 50 Jahren und seit 2009 bist du mit deinen Eseln dabei. Wie ist das?

Unter lauter stolzen, festlich herausgeputzten Pferden sind wir mit unseren schön geschmückten Eseln immer eine kleine Attraktion. Eine besondere Freude ist der Rosstag für unsere Mulidame Elli. Dann kommen ihre Haflingerkameraden aus der Gebirgsjägerkompanie Bad Reichenhall. Sie kennen sich ja alle seit Kindertagen, da gibt es immer ein freudiges Wiedersehen. Die ganze Gebirgsjägermannschaft freut sich auf das Wiedersehen.

Du hast aber noch mehr Tiere. Welche?

Der Hauptfokus meiner Arbeit ist die naturverträgliche Landschaftspflege. Dafür habe ich noch 17 Ziegen, weil sie vom Dornengestrüpp bis zum frischen Baum alles fressen. Alles, was die Ziegen übriglassen, erledigen meine 38 Yaks, quasi bis zum 3-cm-Golfrasen. Außerdem habe ich 3 Wasserbüffel für die Feuchtgebietsbeweidung und zwei Katzen.

Warum hast du Yaks, Wasserbüffel, Ziegen – und keine Kühe?

Ich schließe eine Lücke in der Landschaftspflege, weil ich mit meinen Tieren eine komplettere Beweidung erledigen kann. Daher mache ich auch den Bauern keine Konkurrenz, sondern ich setze da an, wo die Kühe aufhören – sei es von der Topografie oder von der Art des Bewuchses und der Gründlichkeit.

Ursprünglich hast du einen anderen Beruf erlernt… Welchen?

Ich habe eine Ausbildung als Konditor absolviert, denn meine andere Leidenschaft sind Süßigkeiten. Im Winter, wenn die Tiere nicht ganz so viel Unterstützung brauchen, habe ich auch Zeit für die Konditorei. Das mache ich immer noch gern.

Du brauchst sicher keinen „Tegernsee Marsch“. Wie viele Kilometer läufst du am Tag?

Wenn ich wenig laufe, sind es 14 Kilometer. Tage wie heute, wo wir mähen müssen oder Heu machen, sind es auch schnell mal über 30 Kilometer – am Hang!

Verrätst du deinen Lieblingsplatz im Tegernseer Tal?

Das ist die Prinzenruh in Bad Wiessee wegen der schönen Aussicht und der Ruhe. Ich mag auch die Rückseite des Hirschberggrates. Da blickst du bis nach Österreich, München und hinüber nach Bad Tölz – während es wesentlich ruhiger ist als am Wallberg.

Was empfiehlst du Besuchern des Tegernseer Tals?

Natürlich die eine oder andere Alm zu besuchen – je nach Fitnesszustand. Und ich empfehle, auch mal an einem Bachlauf zu sitzen, wo er in den See hineinläuft. Das einfließende Wasser ist eine beruhigende Geschichte. Da kann man auch Wasseramseln und viele andere Tiere beobachten.

Motto:  Geht nicht, gibt‘s nicht.

Eselwanderungen buchen Sie hier oder direkt bei Andreas Vogt vom Eseltreff am Tegernsee.

Impressionen

Eselwanderung 006, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Eselwanderung 006

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Eselwanderung 007, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Eselwanderung 007

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Eselwanderung 008, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Eselwanderung 008

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