Siebrecht 01, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Sebastian Siebrecht

Schachgrossmeister

Offene Internationale Schachmeisterschaft (OIBM) am Tegernsee

Zweimal im Jahr wird der Tegernsee zum Austragungsort bedeutender Meisterschaften des „Königlichen Spiels“ Schach: im Herbst zur Offenen Internationalen Schachmeisterschaft (OIBM) und im Frühjahr zum Internationalen Schach-Senioren-Cup. Nicht wegzudenken ist beim Schach am Tegernsee ein Mann: Schachgroßmeister Sebastian Siebrecht. Seit vielen Jahren ist er der Turnierdirektor der OIBM und versprüht trotz aller Konzentration immer gute Laune. Wir sprechen mit ihm über die Faszination des „Königlichen Spiels“, über seine eigene Schachkarriere, wie er Hunderttausende Menschen für Schach begeistert und warum er immer wieder gern zum Tegernsee zurückkehrt.

Steckbrief:
Name: Sebastian Siebrecht
Geburtstag: 16.04.1973
Geburtsort: Herdecke
Wohnort: Laroque des Albères, Frankreich
Worum geht’s? Offene Internationale Schachmeisterschaft am Tegernsee
Was ist deine Superpower? Begeisterung und Leidenschaft; Natur als Energie- und Inspirationsquelle

Warum spricht man beim Schach vom „Königlichen Spiel“?

Der Begriff geht auf das persische Wort „Schah“ zurück, das bedeutet „König“. Im Mittelalter wurde es zum „Spiel der Könige“, da es als Sinnbild für feudale Gesellschaftsstrukturen galt und eine beliebte intellektuelle Beschäftigung an europäischen Fürstenhöfen war.

Warum fasziniert Schach Menschen weltweit – unabhängig von Alter und Herkunft?

Schach ist Begeisterung pur. Abenteuer, Fantasie, Ideen. Schach hilft Kindern und Jugendlichen, ist gut für Erwachsene jeden Alters. Schach bringt Menschen zusammen. Schach ist eine Sprache. Schach ist Sport für das Gehirn, fördert die Konzentration und ist ein großartiges pädagogisches Hilfsmittel. Schach schult das kreative Denken und trainiert das Gedächtnis, verbessert die Problemlösungsfähigkeit und steigert das Leseverständnis. Schachspielen erfordert außerdem strategisches und kritisches Denken, schult Planung, Weitblick und Selbstvertrauen sowie Entscheidungsfreudigkeit. Viele lieben auch einfach den Wettkampf! Schach unterstützt zudem einen niedrigschwelligen Einstieg in fremde Kulturen, Länder und neue Kontakte – das Spiel ist sehr sozial.

Wie bist du zum Schach gekommen und wann war klar, dass es mehr als nur ein Hobby wird?

Die ersten Berührungspunkte mit Schach hatte ich durch meinen Vater und meinen Bruder. Als ich dann auf das Gymnasium kam, hatte ich das große Glück, dass mein Sportlehrer eine sehr engagierte Schach-AG leitete. Dort habe ich drei Nachmittage pro Woche jeweils zweieinhalb Stunden verbracht! Das war eine wunderbare Möglichkeit für mich und meine große Leidenschaft in der Jugend – neben Basketball, den ich meist jeden Abend nach dem Schach noch gespielt habe. Mit 16 Jahren wurde ich internationaler deutscher Jugendmeister im Schach. Da zeichnete sich bereits ab, dass da wohl etwas mehr möglich ist.

Siebrecht 02, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Siebrecht 02

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Wofür steht der Titel des Schachgroßmeisters?

Der Titel des Schachgroßmeisters (GM) ist der höchste offizielle Titel, den ein Turnierschachspieler erreichen kann. Er steht für außergewöhnliche Spielstärke, herausragende Turniererfolge und wird vom Weltschachbund FIDE (Fédération Internationale des Échecs) vergeben. Drei Normen mit einer Leistung über 2600 Elopunkte müssen erspielt werden, die eigene Elozahl über 2500 Punkte gehievt werden – Elopunkte sind ein mathematisches System, um die Spielstärke zu ermitteln. Schlussendlich muss sich der Kandidat als des Titels würdig erweisen.

Was hat dich am meisten geprägt auf dem Weg zum Großmeistertitel?

Die internationalen Verbindungen und das Netzwerk, das ich mir durch die Reisen und Turniere auf der ganzen Welt aufgebaut habe. Davon profitiere ich natürlich noch heute als Organisator. Geprägt haben mich auch zudem die Vielfältigkeit, die Charaktere und Besonderheiten des Schachkosmos. Die Unterstützung meines Vaters und das Angebot des Schach-AG-Leiters, sowie die Unterstützung durch den Verein waren natürlich genauso wichtig. Mit 20 Jahren bin ich schon zu Turnieren nach Usbekistan gereist, also früh in die weite Welt hinaus. Das prägt ebenfalls sehr und motiviert für den richtigen Weg.     

Was ist das Besondere an der Internationalen Bayerischen Schachmeisterschaft (OIBM) am Tegernsee?

Ich durfte auf nahezu allen Kontinenten spielen, aber die OIBM ist einfach mein Lieblingsturnier! Erst als Spieler und mittlerweile seit 2016 als Turnierdirektor. Ich liebe die Natur, die Berge, den See und die frische Luft. Am Tegernsee kommt jeder auf seine Art zu seinem Genussgefühl. Die Schachrunden beginnen erst um 16 Uhr, sodass jeder den Vormittag für Erkundungen, Ausflüge und sportliche Aktivitäten nutzen oder einfach flanieren und die bayerische Küche genießen kann. Die Abende sind gesellig. Dazu kommen das grandios freundliche Team der Urlaubsregion DER TEGERNSEE, das alle Teilnehmer herzlichst willkommen heißt, ein starkes Schiedsrichterteam und eine fantastische Location mit Gut Kaltenbrunn. Auch die Titelträger kommen gerne. Sie wissen das Turnier sehr zu schätzen, wir können sie nicht in Gold aufwiegen.

Wie hat sich die Meisterschaft in den letzten Jahren entwickelt?

Einfach wunderbar. Wir verzeichnen fast jedes Jahr einen neuen Teilnehmerrekord, haben interessante Spieler und Spielerinnen aus der ganzen Welt, sehen sportliche Entwicklungen, Normen und neue Titelträger. Klasse! Mal sehen, was noch möglich ist.

Welche Bedeutung hat das Turnier für die deutsche und internationale Schachszene?

Die OIBM ist neben den Dortmunder Schachtagen, die im Sommer stattfinden, und dem Grenke Open zu Ostern das Traditionsturnier schlechthin im deutschen Turnierkalender. Sie ist als jährliche Veranstaltung fest im Terminkalender vieler Teilnehmer verankert. Vier Spieler haben bisher sogar an allen 29 Ausgaben teilgenommen und sehr viele mehr als 20-mal! Auch die internationale Szene schaut zum Tegernsee und immer wieder auch persönlich vorbei. Beispielsweise spielten hier bereits neben vielen anderen Stars der Weltbeste Magnus Carlsen aus Norwegen und Weltmeister Dommaraju Gukesh aus Indien.

Siebrecht 03, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Siebrecht 03

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Welche Herausforderungen gilt es für dich als Schiedsrichter zu meistern?

Ich versuche, im Geiste des Sports die Meisterschaft stets in die richtige Richtung zu lenken: fair für alle, mit Augenmaß. Dazu gehört auch, die Wünsche der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, des Teams und unserer Partner persönlich abzuholen und direkt umzusetzen. Mein starkes Team meistert zudem alle Regelfragen souverän. 

Wie kann Schach als Breitensport weiter gefördert werden?

Wichtig ist, dass die Schulen das Angebot ausbauen und dass Schach als Breitensportmaßnahme in öffentlichkeitswirksamen Projekten mehr Widerhall findet. Beispielsweise habe ich bereits vor 15 Jahren die Initiative „Faszination Schach“ begründet, mit welcher wir mittlerweile schon 150.000 Interessierte zum Schachspielen gebracht haben. Konkret könnte am Tegernsee bei den jährlichen Festveranstaltungen ein kleiner Schachstand schon Wunder bewirken. Die Möglichkeit des Angebotes ist entscheidend. Schach ist für alle da. 

Frauen sind im Spitzenschach noch immer unterrepräsentiert – woran liegt das deiner Meinung nach?

Dazu gibt es viele Studien. Neueste Entwicklungen zeigen auch hier, dass wir das Angebot interessanter und noch viel mädchen- und frauenfreundlicher gestalten müssen. Wenn mehr Mädchen und Frauen spielen, werden wir auch viel mehr Spitzenspielerinnen haben!  

Gibt es Unterschiede im Spielstil zwischen Männern und Frauen – oder ist das ein Mythos?

Die Spielerinnentypen sind genauso unterschiedlich wie die männlichen Schachspieler. Generell gilt, dass Frauen unternehmungslustiger spielen.

Was müsste sich konkret ändern, um mehr Frauen für den Leistungssport Schach zu gewinnen?

Bessere Angebote und höhere Preisgelder schaffen, Gemeinschaft erzeugen. Der Wohlfühlfaktor ist hier besonders entscheidend! Die Mädchen und Frauen müssen sich respektiert, angenommen und verstanden fühlen.

Siebrecht 04, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Siebrecht 04

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Wenn du während der OIBM am Tegernsee noch Zeit hast – was unternimmst du?

Ich habe ein Ritual zum Auftakt: Wenn es möglich ist, starte ich den ersten Tag mit einer Laufrunde um den See. Die 21 Kilometer taten mir schon 2004 in Bad Wiessee bei meiner hier erspielten Großmeisternorm sehr gut. Generell jogge ich morgens vor dem Frühstück rund zehn Kilometer, etwa entlang der Seepromenade und über den Bad Wiesseer Höhenweg. Nach dem Frühstück geht’s weiter mit Radln oder Wandern.

Wohin führen dich deine Rad- und Wandertouren?

Zu meinen Lieblingstouren mit dem Rad gehört die Schwarzentenn-Alm-Runde mit kleiner Seerunde. Wenn Zeit für eine Wanderung ist, gibt es so viele schöne Berge und Almen, die ich immer wieder gern besuche: von Bad Wiessee aus auf die Aueralm und den Hirschberg oder auf der Tegernseer Seite auf zur Riedersteinkapelle und Baumgartenschneid. Von Wildbad Kreuth auch gerne Siebenhütten, Königsalm, Schwaigeralm, Setzberg und Risserkogl, wenn viel Zeit ist. Aber ich werde auch älter und gemütlicher.

Verrätst du deinen Lieblingsplatz im Tegernseer Tal?

Schwierig, ich habe nicht den einen Lieblingsplatz. Die gerade aufgezählten Runden haben alle ihren eigenen Reiz und ihre Besonderheiten. Generell fühle ich mich überall am Tegernsee sehr wohl. Einmalig ist auf jeden Fall der Austragungsort des Turniers – die Aussicht von Gut Kaltenbrunn auf den See und die Berge.

Wie können sich die Spieler und Spielerinnen während des Turniers entspannen? Was empfiehlst du ihnen, abseits der OIBM zu unternehmen?

Ich hoffe, ich konnte schon ein paar Ideen geben. Vor jeder Runde versuche ich alle Spieler und Spielerinnen zu animieren, die wunderschöne Region selbst zu erkunden. Jeder nach seinem Gusto. Nach dem Motto: „Morgens auf den Berg, nachmittags ans Brett!“. Frische und Energie in der Natur zu tanken und dann mit voller Inspiration ans Brett – das hat bei mir immer bestens geklappt. Mein Rat: Bitte nicht so viel im Hotelzimmer hocken und Schach vorbereiten. Besser, hier am Tegernsee die Gunst der Stunde nutzen, sich entspannen und die Gegend genießen. Und dann mit aller Kraft am Brett spielen!   

Hast du ein Lebensmotto?

Alles ist möglich!

Alle Infos zur Offenen Bayerischen Schachmeisterschaft (OIBM) am Tegernsee finden Sie hier.

Impressionen

Siebrecht 05, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
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Siebrecht 06, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
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Siebrecht 07, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
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© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)