TELITO_Emil und Ludwig Ganghofer, © Sabine Ziegler-Musiol

Emil und Ludwig Ganghofer

Ein literarischer Spaziergang von Dr. Peter Czoik

2020 prägten zwei Jubiläen Rottach-Egern und das Tegernseer Tal: der 100. Todestag des zu seiner Zeit erfolgreichsten Autors in Deutschland, Ludwig Ganghofer, und der seines jüngeren Bruders Emil. Emil Ganghofer war ein Multitalent und Überlebenskünstler. Auf dieser leichten, familienfreundlichen LiteraTour lernen Sie die beiden Brüder an 10 Stationen kennen: im Spiegel ihrer Freunde Ludwig Thoma und Leo Slezak, über allerlei Anekdoten zu Emil Ganghofer bis hin zu den Erinnerungen des Schriftstellers Walter Ziersch.

Der Spaziergang führt von der Skulpturengruppe im Kurpark (1.) in die Nördliche Hauptstraße zur Alten Post (2.) und zum Rathaus (3.), zurück in die Seestraße zum Mesner Gütl (4.) und Friedhof (5.). Weiter entlang in die Überfahrtstraße, am Seehotel Malerwinkel (6.) und Überfahrt (7.) vorbei in die Ganghoferstraße (8./9.). An der Anlegestelle bis zur Point und zum Ludwig-Ganghofer-Haus (10.).

Dauer:                       49 Min. (mit Bus: 1 Std. 14 Min.)

Länge:                       4 km (mit Bus: 6 km)

Höhenunterschied:   ↑36 m  ↓19 m

Einkehrmöglichkeiten:

Seehüttn Rottach-Egern, Café Franzl, Enothek am See, Kirschner Stuben (Station 1); Beach House Tegernsee, Café & Bistro Max I. Joseph, Il Salento, Postillion (Station 2); Leo’s Das Esszimmer (Station 3); Mesner Gütl, Hotel Bachmair am See (Station 4); Stefan’s Wohnzimmer (Station 5); Restaurant Malerwinkel (Station 6); Seehotel Überfahrt (Station 7); Westerhof-Café im Stielerhaus (Station 10).

1. Station: Skulpturengruppe im Kurpark (Ganghofer, Thoma, Slezak)

Im Kurpark von Rottach-Egern sind zwei der wohl bekanntesten bayerischen Volks- und Heimatdichter in einer bronzenen Skulpturengruppe verewigt: Ludwig Ganghofer (1855-1920) und Ludwig Thoma (1867-1921).

„Der am 7. Juli 1855 in Kaufbeuren geborene Ludwig Ganghofer entstammte einem alten bayerischen Geschlecht von Forstleuten. Seine Schul- und Studienzeit verbrachte er in Kaufbeuren, Neuburg an der Donau, Regensburg und München, wo im Theater am Gärtnerplatz sein Erstlingswerk ‚Der Herrgottschnitzer von Ammergau‘ uraufgeführt wurde. Mit den Volksstücken ‚Der Prozeßhansl‘ und ‚Der Geigenmacher von Mittenwald‘ gelang ihm der Durchbruch, die Romane ‚Der Klosterjäger‘, ‚Die Martinsklause‘, ‚Schloß Hubertus‘ und ‚Der Jäger von Fall‘ machten ihn zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit. 1920 verstarb er in seinem Haus am Leeberg in Tegernsee.“

„Am 21. Januar 1867 wurde Ludwig Thoma in Oberammergau geboren. Als freier Rechtsanwalt in Dachau schrieb er schon 1867 kleinere Geschichten und Erzählungen für Zeitungen. Schließlich wurde die Redaktion der satirisch-kritischen Zeitschrift Simplicissimus auf ihn aufmerksam und holte ihn an Bord. Mit seinen Gedichten, Kurzgeschichten, Theaterstücken und Romanen wurde er schnell berühmt (u.a. ‚Lausbubengeschichten‘). 1901 kam Ludwig Thoma erstmals beim Sixtbauern in Finsterwald unter, wo er seinen ‚Zweitwohnsitz‘ behielt, bis er 1907 mit dem Bau seines eigenen Hauses begann – im Tuftenfeld am Fuße des Riedersteins, den für ihn schönsten Platz im Tal. Am 26. August 1921 verstarb er in seinem Haus und wurde schließlich auf dem Egerner Friedhof bestattet.“

Der Gedanke einer „bayerischen Klassik“ gewann schon früh nach dem Tod der beiden Dichter seine Anhängerschaft. Man sprach von „Goethe und Schiller in Wadlstrümpfen“.

„Klassik oder nicht, inzwischen wurde der Gedanke an die beiden Nationaldichter mit einem Denkmal gekrönt, das der ‚Förderkreis Kunst und Kultur‘ in Rottach-Egern aus Anlaß des 75. Todestags Ludwig Ganghofers 1995 aufstellen ließ. Es ist ein Denkmal ohne Pathos geworden, doch voller Stimmung und Noblesse, geschaffen von dem Gmunder Bildhauer Quirin Roth. In Lebensgröße stehen sie im Kurpark des ‚bayerischen Weimar‘ und symbolisieren, um es mit Thomas Worten auszudrücken, ‚ein Stück altes Bayern und altes Behagen, herausgeschnitten aus dem Häßlichen, das uns umgibt‘.

Ganghofer hält seine Schreibfeder in der Hand und Thoma, neben ihm sitzend, die geliebte Tabakspfeife, den Blick voller Nachdenklichkeit in die Ferne gerichtet [...].“

(Thumser, S. 52f.)

Die beiden waren gut 20 Jahre lang in Freundschaft miteinander verbunden. Ihre Freundschaft war durch Liebe, Literatur und Jagd geprägt. Für den älteren erfolgreichen und berühmten Kollegen veranstaltete Thoma 1905 ein Geburtstagsschießen mit 70 Bergschützen und persönlichen Freunden in Finsterwald am Tegernsee. Thoma machte seinen Freund darüber hinaus zum Beichtvater seiner Liebesbeziehungen mit Ehefrau Marion (Trennung 1910) und Maidi Liebermann (Thomas Geliebte von 1918 bis 1921), indem er Ganghofers Rat einholte, aber nicht befolgte, während Ganghofer mit widerstreitenden Empfindungen gegenüber Thoma zu kämpfen hatte, wenn er ihm nur verschwiegen den eigenen Seelenzustand erläutern konnte. Ganghofers Verdienst war es, den Freund im Sommer 1910 von einem Duell wegen Marion abgehalten zu haben. (vgl. Rösch, S. 100ff.)

Zum Tegernseer Freundeskreis um Thoma zählte seit 1911 auch der weltberühmte, aus Mährisch-Schönberg stammende Opernsänger (Tenor), Schauspieler und Autor Leo Slezak (1873-1946). Er verbrachte jeden Sommer in seinem Haus im Malerwinkel in der Nähe des Kurparks. Ihm ist die dritte Skulptur gewidmet, die ihn stehend, mit angewinkeltem Arm, in künstlerischer Darbietung vor den beiden Schriftstellern zeigt.

„Leo Slezak wurde am 18. August 1873 in Mährisch-Schönberg geboren. Sein erstes Geld verdiente er als Gärtnerlehrling und Maschinenschlosser. Als Statist in Brünn wurde er zufällig entdeckt, als er bei den Chorpassagen einfach mitsang. 1896 spielte er im Brünner Stadttheater zum ersten Mal den Lohengrin. Außerdem sang er in der Berliner Hofoper sowie den Opernhäusern in Breslau und Wien. Im Wiener Ensemble trat er nicht nur als Wilhelm Tell auf, sondern auch als Walther von Stolzing und Ramades. An der Metropolitan Opera in New York wurde Leo Slezak schließlich zum Weltstar. Er konnte alles singen, von Mozart über Wagner und Verdi bis hin zu Meyerbeer. In Rottach-Egern kaufte Leo Slezak 1910 an der Überfahrt ein kleines Bauernhaus, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern die glücklichste Zeit seines Lebens verbrachte. In dieser Zeit wurden Ludwig Ganghofer und Ludwig Thoma seine besten Freunde. 1946 verstarb Leo Slezak.“

Literarisches Zeugnis (I): Undatierter Brief von Ludwig Ganghofer an Thoma

„Ich mache schwere, quälende Zeiten durch. Warum? Das läßt sich vielleicht besser sagen, wenn wir beide wieder einmal beisammen sind, als es sich schreiben und in Tinte gießen läßt. [...] Manchmal denke ich an den heiligen Sebastian. So, wie mir jetzt, muß ihm zu Mut gewesen sein, als sein geduldiger Leib mit Pfeilen gespickt wurde – nur mit dem Unterschied, dass meine Pfeile nicht von außen geflogen kommen, sondern von innen heraus. [...] Ludwigl, das ist ein scheußlicher Zustand. [...] Auch die die wohlwollendste Schilderung dieses Zustandes würde auf Deinem ärztlichen Zeugnis das Papier durchbrennen – wie der Gefängnisdirektor in der Fledermaus [Operette von Johann Strauß] mit seiner Cigarette die Zeitung durchlöchert. Ich möchte da noch ein Citat aus dem Hamlet hersetzen – aber es fällt mir nicht ein. [...] Aber wir wollen’s bei diesem fragmentarischen Seelenhuster lassen. Nimm ihn, wenn auch mit einigem Schütteln des ‚Kopfes‘, so doch stillschweigend hin. Bist Du wieder einmal bei mir, so kommt wohl von selbst die Stunde, in der ich mein Binkerl Seelenpein bis auf den Schnupftüchelboden vor Dir ausleere. Wenn Du das nächstemal schreibst, so übergehe alles. [...] Und ich will die Consolidierung Deines Glückes feiern, als wär’ es die Wiedergenesung meines eigenen. Und nun lasse ich Deiner Marion die rosenbraunen Handerl küssen, und Dir schicke ich meinen Gruß, wie ihn nur die wärmste Freundschaft geben kann. Auf Wiedersehen! Dein Ludwig.“

(zit. n. Rösch, S. 104f.)

Literarisches Zeugnis (II): Slezak-Anekdote (1)

„Eines Abends kam er [Thoma] bei meinem Hause vorbei und lud mich ein, ich möge doch nebenan in die Wirtschaft kommen, wir wollten uns bei einem Glase Bier ein wenig aussprechen.

Die Aussprache sah folgendermaßen aus: Um 8 Uhr kam ich hin.

‚Grüß dich Gott, Leo – Prosit!‘

Sein Bruder Peter, Emil Ganghofer, der Bruder Ludwig Ganghofers, und ein Bauer spielten Tarock. – Thoma sah zu.

Nach ungefähr einer Viertelstunde, in der er noch keinen Ton gesprochen hatte, sagte er: ‚Peter, Herrgottsakra, Schellen spiel aus!‘ – Pause.

Nach weiteren zwanzig Minuten: ‚Prost Leo – sollst leben!‘

Halbe Stunde Pause. ‚Also, Leo – Prost!‘

Um halb zehn sagten wir uns Adieu.

Und das nannte Ludwig Thoma ‚sich aussprechen!‘“

(Slezak, S. 133f., vgl. a. Thumser, S. 100)

2. Station: Ehem. Gasthof zur Post, Nördliche Hauptstraße 17-19

1916 kaufte Hans Baur (1871-1935) den Gasthof von Georg Plendl. Vor dieser Zeit bewirtschaftete er den Gasthof Maximilian in Gmund. 1933 wurde der Gasthof zur Post aufgestockt. Nach dem Tod ihrer Eltern übernahm Tochter Anna (1903-1976) den Gasthof. Das inzwischen zum Hotel umgebaute Anwesen wurde von ihrem Sohn, Hans Königer jun., geführt. (vgl. Halmbacher, Bd. 1, S. 266)

In der Nördlichen Hauptstraße 17-19 befinden sich heute zwei Gebäude: das Haus zur Alten Post und das Restaurant „Postillion“.

An diesem Ort soll der jüngere Bruder des Dichters Ludwig Ganghofer, Emil Ganghofer, das akrobatische Kunststück vollführt haben, mit dem Motorrad die ganze enge Treppe des Hauses hinaufgefahren zu sein.

Doch wer war Emil Ganghofer?

Emil Friedrich Wilhelm Ganghofer (1861-1920) wurde als zweiter Sohn des Forst- und Regierungsrats August von Ganghofer und seiner Frau Charlotte, geb. Louis, am 24. August 1861 in Welden bei Augsburg geboren. Am 1. Juni 1875 schrieb er sich in die Kgl. Kreis-Gewerbeschule in München ein, dann ging er zur See, wurde Schiffsoffizier und heiratete am 28. September 1897 in Rottach-Egern die drei Jahre jüngere Fanny Geri(c)ke. In Rottach am Egerer Spitz ließ er sich auch nieder, wohnte aber zwischenzeitlich in München. Neben seinem Fahrradgeschäft betrieb Emil ein Fotoatelier samt Verlag und war bekannt für seine Späße und sein Temperament (so ist z.B. eine Maschkera-Gaudi überliefert, die er 1906 in Egern selbst arrangierte). Beim Gasthof zur Überfahrt zeigte er 1905 die erste Kinovorstellung am See mit einem Lokomobile als Stromversorger. Er „war das ‚enfant terrible‘ der Familie, ein liebenswerter Luftikus, dem nichts Rechtes im Leben gelingen wollte. [...] Schließlich wurde er 1911 noch Direktor der ‚Freilufteisbahn‘ im Münchner Ausstellungspark, aber auch dies glückte nur, weil sein Freund Ludwig Thoma die Bürgschaft übernahm.“ (Lemp, S. 112) Emil Ganghofer starb am 7. März 1920, wenige Monate vor dem Tod seines Bruders.

(vgl. Czoik, S. 2ff.)

Literarisches Zeugnis (I): Ludwig Ganghofer: „Lebenslauf eines Optimisten“ (1909)

In seinen autobiographischen Erinnerungen berichtet Ludwig Ganghofer über den „neuen kleinen Kerl“ im Kreis der Familie:

„Meine Schwester war nach Ottobeuren in die Mädchenschule gekommen und brachte im Kloster Wald mit ihren Streichen die frommen Frauen zur Verzweiflung. Ihren Platz in der Kinderstube zu Welden hatte mein kleiner Bruder Emil eingenommen, ein lungenkräftiger Schreihals. Meine Mutter erzählte mir in späteren Jahren, daß ich bei der ersten Nachricht von der Ankunft eines Bruders gefragt hätte: ‚Kann er schon kraxeln?‘ Ich führe das an, weil es zeigt, wie viel ich damals von den Quellen des Lebens wußte. An der Erscheinung der Mutter war mir keine Veränderung aufgefallen. Ich sah nur plötzlich: der neue kleine Kerl ist da, und die Mutter ist vor Freude krank geworden und dazu ein bißchen mager.“

(Ganghofer, S. 158f.)

Vom „Kraxeln“ des Bruders ist es nicht allzu weit zu dessen akrobatischen Kunststücken.

Literarisches Zeugnis (II): George W. F. Hallgarten: „Als die Schatten fielen“ (1969)

Der spätere US-amerikanische Historiker George W. F. Hallgarten (1901-1975), der im Haus seiner Eltern in der Münchner Steinsdorfstraße 10 aufwuchs, wo auch Ludwig Ganghofer seit 1894 bis zu seinem Tod 1920 seinen Hauptwohnsitz hatte, berichtet in seinen „Erinnerungen vom Jahrhundertbeginn zur Jahrtausendwende“ über Emil Ganghofer:

„Emil Ganghofer, dessen ich mich aus etwas späterer Zeit als eines untersetzten blonden Mannes mit Spitzbart erinnere, der wie eine etwas verbilligte Auflage seines berühmten Bruders Ludwig Ganghofer wirkte, war für akrobatische Kunststücke bekannt; so soll er zum Beispiel mit dem Motorrad die ganze enge Treppe seines Hauses hinaufgefahren sein. Ob sich die zu schildernde Szene, wie es mir noch heute scheint, tatsächlich hier, oder in dem geräumigeren, nicht weit entfernten Gasthaus zur Post abspielte, will ich nicht beschwören: bei Kindern entstehen feste Bilder, an denen sie ungern rütteln, auch wenn sie gar nicht wahr sein können.“

(Hallgarten, S. 10)

3. Station: Rathaus, Nördliche Hauptstraße 9

Das von Korbinian Enterrottacher (1823-1879), Kalkofen, 1865 erbaute Rathaus kam von 1887 bis 1907 als „Villa Valerie“ in den Besitz der Marie Louise Gräfin von Larisch (1858-1940), geb. Freiin von Wallersee, Nichte und Hofdame von Kaiserin Sissi von Österreich (1837-1898) und Vertraute von Kronprinz Rudolf von Habsburg (1858-1889). Bis 1926 war das Gebäude eine Fremdenpension, ein Jahr später wurde es von der Gemeinde Rottach-Egern gekauft. Seither dient es auch als Rathaus. Das Giebelfresko stammt von Lorenz Kilian, Gmund. Eine Gedenktafel am Rathaus erinnert noch heute an den Besuch der Kaiserin im Jahre 1888.

Das Rathaus besitzt ein eigenes Trauungszimmer. Emil Ganghofer heiratete am 28. September 1897 in Rottach-Egern die drei Jahre jüngere Fanny Geri(c)ke, Tochter des „Civil-Ingenieurs“ Hugo Gericke und dessen Ehefrau Fanny, geb. Lindau. (vgl. Heiratsbuch Rottach, Nr. 11, u. Traubücher/Sponsalien, CB068, M1318 – Trauungen – 1865-1920) Ganghofers Frau ist zugleich die Nichte des Schriftstellers und Theaterleiters Paul Lindau (1839-1919). Eine voreheliche Beziehung, aus der ein unehelicher Sohn hervorging, verband Emil Ganghofer mit der 14 Jahre jüngeren Volksschullehrerin Katharina Gruber (1875-1962). (vgl. Czoik, S. 11f.)

Literarisches Zeugnis (I): Erich Mühsam: Tagebucheintrag zu Emil Ganghofer

Über die Seemannszeit Emil Ganghofers ist recht wenig bekannt. Im Familienbogen vom 15. November 1911 steht nur der Vermerk: „Schiffsoffizier a.D.“ Welches Seemannsgarn zu spinnen Ganghofer gleichwohl in der Lage war, davon erzählt der Dichter, Anarchist und Antifaschist Erich Mühsam (1878-1934) in seinen Tagebüchern. Er, der die Pfingsttage des Jahres 1911 in Tegernsee zubrachte, schreibt am 6. Juni:

„Am Abend kam Thoma, Emilio Ganghofer und Thomas Bruder Peter, ein wilder Jägerskerl mit zerrissenem Bauerngesicht, der kein Wort spricht. Ganghofer erzählte aus seiner Seemannszeit haarsträubende Geschichten und log das Blaue vom Himmel herunter. Grade erzählte er, wie er während einer Revolution vor Peru lag. Die Kugeln flogen um das Schiff herum. Ein Kriegsschiff fuhr heran, dessen Kapitän sich über den Rand beugte und rief: – – Da unterbrach Peter Thoma den Erzähler und ergänzte: ‚Obst net an Radi host‘. Wir lachten furchtbar über diese einzige Bemerkung, die der Jäger den ganzen Abend von sich gab. Schon frühzeitig – gegen ½ 11 – brachen wir auf und ich ging zu den guten Bauersleuten im alten Schulhause schlafen, nachdem mich Thoma sehr herzlich zum Frühstück eingeladen hatte. Ich schlief prachtvoll und stand früh um 7 Uhr auf.“

(Mühsam, Bd. 1, Heft 5)

Auch über Emil Ganghofers nicht erworbenes Kapitänspatent ranken sich zahlreiche Anekdoten: „Emil war 3. Offizier auf einem Segelschiff und strebte das Kapitänspatent an. Dazu sollte es aber nicht kommen, weil beim letzten Besuch vor der Ausfahrt seine Braut von der Reeling fiel, Emil ihr selbstverständlich ins eiskalte Wasser nachsprang und davon einen Husten fürs Leben behielt. Nach anderen Quellen soll Emil durch eine Wette, bei der es um eine gebratene Ratte ging, die ein Passagier ahnungslos verzehrte, ums Patent gekommen sein.“ (Lemp, S. 112)

Literarisches Zeugnis (II): Ludwig Ganghofer: „Gewitter im Mai“ (1904)

Von den Enkeln Ludwig Ganghofers ist u.a. der Schriftsteller Bernhard Horstmann (1919-2008), der unter dem Pseudonym „Stefan Murr“ Kriminalromane und Thriller schrieb, bekannt. In den 2000er-Jahren befreite er teilweise Ganghofers Romanklassiker vom sprachlichen Ballast der Jahrhundertwende und gab sie neu heraus.

In der Neuausgabe zu „Gewitter im Mai“ gibt er Hinweise auf dessen Bruder Emil als Vorbild für den Protagonisten Poldi:

„Die Handlung spielt in etwas verfremdeter Szenerie am Tegernsee, und dort dürfte sie auch verfaßt worden sein. Ganghofer hatte einen jüngeren Bruder, der tatsächlich zur See fuhr. Er dürfte die Person dieses Bruders als Entwurf für den Poldi in ‚Gewitter im Mai‘ adaptiert und auch seine Erlebnisse und Konflikte mit einbezogen haben. [...] Es ist wahrscheinlich, daß er mit seinem Bruder ausführlich über die Gemütslage eines Seemanns gesprochen hat, der für diesen Beruf zu sensibel und deshalb wahrscheinlich überhaupt nicht geeignet war. Es ist anzunehmen, daß die Idee zur Novelle aus diesem brüderlich freundschaftlichen Verhältnis heraus entstanden ist.“ (Murr, Neu-Edition)

Auch der Ganghofer-Experte Emil Karl Braito (1935-2011) ist der Ansicht, dass Ludwig Ganghofer seinen jüngeren Bruder in der Novelle verewigt hat (Braito, S. 70). Die folgende Textpassage daraus unterstützt diesen Befund insofern, als sowohl der echte Emil als auch der fiktionalisierte Poldi allerlei Seemannsgarn und Tagträumerei zur Schau stellen und es beide zum Dritten Nautischen Offizier geschafft haben:

„Dem lachenden Träumer grub sich eine ernste Furche in die braune Stirn. Und während er hinausblickte über das sonnige Spiel der Wellen, stiegen die Bilder aller Gefahren vor ihm auf, die er überstanden hatte da draußen in fernen Welten. Der Schiffbruch an der kalifornischen Küste – auf seiner ersten Fahrt als Leichtmatrose. Sieben Tage im Boot! Und nach der Rettung das gelbe Fieber. Und das Jahr darauf, als er schon die volle Heuer hatte, die Revolte im chinesischen Theater zu Hongkong – die tausend bezopften Zuschauer in schreiender Wut gegen die vier deutschen Jungen, die beim Anblick dieser absonderlichen Kunst ein bißchen lustig und übermütig wurden. Wollten sie nicht erschlagen werden, so mußten sie sich mit dem blanken Messer einen Weg bahnen! Und die Tigerjagd in Indien, auf die der Prinz den jungen Försterssohn als Büchsenspanner mitgenommen hatte! Als der angeschossene Tiger, gereizt durch die Feuerbrände und den Paukenlärm der Treiber, dem Elefanten, der den Prinzen trug, auf die Schulter sprang, da hatte es gegolten, in allem Aufruhr einen sicher treffenden Schuß zu tun! – Und im Garten der Navigationsschule jener böse Sturz vom Topp des Flaggenmastes! Und dieses traurige halbe Jahr auf dem Krankenbett! Und die Freude der Genesung! Dazu noch der Stolz auf die goldene Borte, als ihn Fritz Radspeelers Vater als Dritten Offizier für die ‚Denderah‘ angemustert hatte! Und gleich auf der ersten Fahrt wieder die furchtbarste aller Gefahren – jene grauenvolle Nacht im Kanal, auf brennendem Schiff...

So stieg ein Bild um das andere vor ihm auf – doch alles mit gemildertem Schatten, alles in die linde Sonne dieses Morgens getaucht, der das vergangene Dunkel so schön und blau machte wie die Berge da draußen.

In verklärendem Glanz und mit heiterem Geflimmer, wie die spielenden Wellen im See, glitt alles an seinen Augen vorüber, was er erlebt hatte in diesen sieben Jahren, seit ein unüberwindlicher Widerwille gegen die Schulbank den Fünfzehnjährigen aus der Heimat fortgetrieben und dem Seemannsberufe zugeführt hatte. Und jetzt die stolze Freude, so heimzukehren, mit der Offiziersborte, als gemachter Mann, der einen schönen Lebensweg vor sich hat – und eine Stellung, die was trägt!“

(Ganghofer, S. 9f.)

4. Station: Mesner Gütl

Das traditionsreiche Lokal mit Café in rustikalem Ambiente liegt in der Seestraße 53. Je nach Wetterlage kann man im Kaminzimmer oder auf der Seeterrasse speisen.

1111 wird das „Mesner-Gütl“ – als das Gütl vom Mesner – in der Ortschronik zum ersten Mal erwähnt. Um 1700 bekam der Mesner Philipp Feiler vom Abt von Quirin die Erlaubnis, Branntwein auszuschenken. 1754 brannte das Gütl ab und wurde an derselben Stelle wiederaufgebaut. Viele berühmte Persönlichkeiten kehrten ins Gütl ein, so der Dichter Karl Stieler (1842-1885), der Maler Lovis Corinth (1858-1925), der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg (1901-1976), der Biochemiker und Nobelpreisträger Feodor Lynen (1911-1970) u.a.m.

Literarisches Zeugnis: Bertl Schultes: „Emil Ganghofer gewinnt eine Wette“

„Bertl Schultes (1881-1964), geborener Münchener, war schon als 15jähriger schauspielerisch tätig. 1903 war er bei der Köhler-Schauspieltruppe und 1909 bei Michael Denggs Tegernseer Bauerntheater. Nach Denggs Tod, 1914, übernahm er die Spielleitung der Dengg-Bühne. Als Mitbegründer der Ganghofer-Thoma-Bühne in Egern (Überfahrt) hat er von 1927 bis 1951 rund 3 500 Thoma-Aufführungen veranstaltet. Sein Buch ‚Ein Komödiant blickt zurück‘ gibt Aufschluß über seine lebenslange und umfangreiche Theatertätigkeit, aber auch über die Menschen und Persönlichkeiten im Tegernseer Tal, mit denen er fast ein Leben lang konfrontiert wurde.“ (Halmbacher, Bd. 1, S. 257) Zu letzteren zählt auch Emil Ganghofer, dessen tollkühne Fahrt in der Nähe des Mesner Gütls Schultes für seine Leser festgehalten hat:

„Bei dieser Gelegenheit fällt mir die Geschichte mit dem Radrennfahrer Fischer ein, der Emil Ganghofer in Egern besuchte, kurz nachdem er die Radfernfahrt Mailand–München gewonnen hatte. Fischer erzählte seinem Freund Einzelheiten von der Fahrt, die dieser sich einige Zeit anhörte, bis er den Rennradler mit den Worten unterbrach: ‚Aber da, wo i mit’m Radl hifahr, fahrst du mir fei net nach.‘ Das kostete Fischer natürlich nur ein mitleidiges Schmunzeln, das in laute Heiterkeit ausartete, als Emil ihm anbot: ‚I wett mit dir an Korb Sekt.‘ Fischer nahm an. Und zur abgemachten Zeit trafen sich die beiden und halb Rottach-Egern dazu vor dem Gasthof Zur Überfahrt.

Emil Ganghofer hatte eine kleine Kanone mitgebracht, und mit einem gewaltigen Böllerschuß ist die Fahrt losgegangen. Ganghofer voraus und Fischer immer grinsend hinterdrein. Zum Café Meßnergütl sind sie gefahren, zurück zum Gasthaus, ein paar Steintreppen hinunter – es war kinderleicht. Doch auf einmal macht Emil einen scharfen Bogen, fährt auf den Bootssteg hinauf, kerzengerade auf den See zu und samt dem Radl ins tiefe Wasser. Fischer, der nicht schwimmen konnte – was Ganghofer natürlich gewußt hatte –, ist gerade noch im letzten Moment von seinem Rad gesprungen. Unter dem Hallo der am Ufer Stehenden schwamm Ganghofer samt seinem Rad ans Ufer zurück. Die gewonnene Wette wurde natürlich groß gefeiert.“

(Schultes, S. 30f.)

5. Station: Friedhof der Pfarrkirche St. Laurentius (Kirchenfriedhof)

Auf dem Friedhof der katholischen Pfarrkirche, der als eine der meistbesuchten Grabstätten Altbayerns gilt, liegen viele bedeutende Persönlichkeiten und Künstler begraben, u.a. die Schriftsteller Ludwig Ganghofer (mit Frau Kathinka) und Ludwig Thoma, dessen Geliebte Maidi Liebermann (1884-1971), der Kammersänger Leo Slezak (mit Frau Elsa), seine beiden Kinder – Schauspieler Walter (1902-1983) und Kammersängerin Margarete Slezak (1909-1953) –, die Schriftsteller Heinrich (1887-1955) und Alexander Spoerl (1917-1978) sowie der Maler Olaf Gulbransson (1873-1958). Außerdem finden sich hier die Grabstätten der Fürsten/Grafen Donnersmarck sowie des jüdischen Wohltäters Gustav Mayer. In der Nähe von Ludwig Ganghofer, zwischen südlichem Eingang (Eingang Schule) und Brunnen, kann man auch das Grab von Emil Ganghofers Sohn Rudi (1892-1970) und dessen Frau Maia, geb. Osswald (1900-1987) aufsuchen. 

Literarisches Zeugnis: Ludwig Thoma: „Prolog zu Ludwig Ganghofers Gedächtnisfeier in Tegernsee“

Ludwig Ganghofer wurde am 27. Juli 1920 in Rottach-Egern beerdigt. Der Rechtsanwalt, Kritiker und Schriftsteller Max Bernstein (1854-1925) hielt die Grabrede, ein Gedicht von Ludwig Thoma, der nach Zeugenbericht sehr unter dem Verlust des Freundes litt, wurde vorgetragen. Der viel zitierte Schlusssatz Thomas in einem Brief an Josef Hofmiller lautet: „Um den Mann ist schade.“ Ein Jahr darauf wurde Thoma selbst begraben, nachdem er sich zuvor den Platz neben Ganghofers Grabstätte gesichert hatte.

Am 17. August 1920 veranstaltete Anna Denggs Bauerntheater eine Festvorstellung, zu der das folgende Gedicht von Thoma, der die Festrede hielt, vom österreichischen Schauspieler Fritz Greiner (1879-1933) vorgetragen wurde:

„Er ist nicht mehr, der Form uns und Gestalt

Der deutschen Art uns war gewesen

In harten Zeiten letzter Halt,

An dem so viele hofften, zu genesen.

Wie eine Tanne steht auf hohem Sitz,

Den Stürmen trotzend, die sie kaum zum Neigen

Der Wipfel bringen, stand er, als ein Blitz

Ihn traf. Er fiel, ein Baum mit grünen Zweigen.

Wir sehen tieferschüttert einen Fall

Und grauer scheint das ungewisse Morgen.

Und schwer drückt auf uns, was überall,

Sich um uns drängt an Not, Gefahr und Sorgen.

Und dennoch – nein! Uns Andern ziemt es nicht,

An ihn mit Trauer und Schmerz zu denken.

An ihn, den Frohen, der so lebend spricht

Aus seines Werkes köstlichen Geschenken.

Wir schöpfen immer noch aus diesem Quell

Des Lebensmutes seiner heit’ren Güte,

Das Dunkel weicht und in uns wird es hell

Und manchen Frühling grüßt noch neue Blüte.

Sein ganzes Leben war ein Sonnenschein,

Den sperrt kein Tod in einen engen Schrein.

Der wird noch Vielem, was sich drängt zum Leben,

Sein warmes Licht zu starkem Wachstum geben.

Und fühlt das Volk auch noch in fernen Tagen

Sein edles Herz für alles Hohe schlagen.

Und klingt in bess’ren Zeiten noch sein Wort

Als hoher Trost, als ernster (!) Mahnung fort.

Wie war er tot – der so lebendig bleibt?

Kein Baum verdorrt, der neue Blätter treibt.

Er lebt der Heimat, die ihn stets beglückte.

Die er mit seinen Werken dauernd schmückte,

Er lebt dem Volke, das er heiß geliebt

Und das ihm dankbar Treu’ um Treue gibt.“

(zit. n. Braito, S. 595f.)

Am 20. August 1920 wurde zur Gedächtnisfeier Ganghofers Stück „Der Geigenmacher von Mittenwald“ im Tegernseer Bauerntheater aufgeführt.

6. Station: Slezakhaus („Blumenhäusl“), Seehotel Malerwinkel

Seit 1910 besaß Leo Slezak ein Haus am Tegernsee: den „Schormann-Hof“ im Malerwinkel. Sein Haus nannte er liebevoll sein „Blumenhäusl“, weil es „mit Blumen derart übersät ist, daß es dir wie ein Blumenstrauß erscheint“, „ein kleines, liebes altes Bauernhaus mit einem selbstangelegten Garten, den ich mir aus einer Wiese durch Pflanzen von großen Bäumen in einen herrlichen Park verwandelte. Jeder Baum, jeder Strauch ist mein eigenes Werk, und so konzentrieren sich während des ganzen Jahres meine Gedanken auf dieses Fleckchen Erde, das ich so grenzenlos liebe.“ (zit. n. Tworek, S. 270f.)

„Sämtliche Arbeiten übertrug Slezak den Handwerkern im Tal, was ihm hoch angerechnet wurde. Slezak gab den Auftrag, einen Aussichtsturm von 18 Metern Höhe zu errichten. Von den Bergen ließ er dazu 20 große Fichten holen und setzte sie in seinen Garten. Es gab ein Schwimmbad, eine Kapelle und im See ein Badehäusl. Ein zweites Haus wurde für seine Schwiegermutter ausgebaut. Um die vier Morgen [10.000 qm] umfasste sein Grundstück“. (Still, S. 40f.)

Der Tegernsee wurde für Slezak zum psychologischen Fluchtpunkt. Hier schöpfte er, wenn es ihm schlecht ging oder er beruflich in die weite Welt hinausmusste, oftmals Ruhe. Während des Ersten Weltkriegs engagierte er sich für Wohltätigkeitskonzerte, u.a. auch in Egern. Im benachbarten großen Theatersaal in der Überfahrt trat er auf: „Der Kammersänger lieferte den gesamten Ertrag, 3356 Mark, an den Bürgermeister ab, damit den notleidenden Bürgern geholfen werden konnte.“ (Alpenbote, 17. August 1916, zit. n. Still, S. 43)

Nach 1943 zog sich Slezak zusammen mit seiner Frau Elsa endgültig an den Tegernsee zurück. Ihre Tochter Margarete Slezak folgte ihnen, nachdem sie infolge eines Zerwürfnisses mit Hitler in Berlin Auftrittsverbot bekommen hatte. Als ihr Vater 1946 starb, verwaltete Margarete das Haus, wo sie mit ihrem zweiten Mann, dem Sänger Peter Winter, lebte.

1962 kauften Anna und Johann Höss (1898-1971), Sohn des Überfahrt-Wirts Josef Höss (1856-1929), von der Enkelin Leo Slezaks das nachbarliche Anwesen und bauten es in ein Gästehaus mit Kaffeelokal und Gartenterrasse um. 1970 erhielt Sohn Sepp das Slezakhaus. Er übergab es 2004 an seinen eigenen Sohn Thomas, der es zusammen mit seiner Familie als Seehotel Malerwinkel in bekannter Weise weiterführt.

Literarisches Zeugnis (I): Leo Slezak: „Der Wortbruch“ (1960)

„Ludwig Ganghofer lernte ich ein Jahr vor seinem Tode kennen und lieben. – Eines Tages erschien er in meinem Garten, weil ihm mein Haus und meine Blumen so gefielen – und in einigen Minuten war mir’s, als ob ich mit dem Manne schon jahrzehntelang verbunden gewesen wäre. Ein sonniger, glücklicher Mensch, immer einen gottbegnadeten Optimismus in sich tragend und seine Umgebung rettungslos damit ansteckend. Ein herrlicher Mann – ein Jäger durch und durch – der mit seinen Jagdgeschichten eine unbeschreibliche Summe von Fröhlichkeit um sich verbreitete. Auch die Schwächen des Jägers waren ihm in der liebenswürdigsten Form gegeben. – Er log! – Log so wunderbar, so gottbegnadet, daß man aus dem Lachen nicht herauskam. – Das heißt, es waren keine Lügen – es war nur ein vorbildliches Jägerlatein, an das er selber glaubte. Zehnmal habe ich eine Hirschjagd von ihm erzählen gehört und bei jeder Erzählung waren es immer einige Hirsche mehr, die er unter den wunderbarsten Umständen erlegte. – Er war eben ein Dichter!“

(Slezak, S. 131)

Literarisches Zeugnis (II): Slezak-Anekdote (2)

„Leo Slezak hatte sein Anwesen an den Ufern des Tegernsees und kaufte Jahr für Jahr neue Grundstücke hinzu, die er mit bereits möglichst großen und alten Bäumen bepflanzen ließ, um den Eindruck eines alten Naturparks zu erzeugen. Die Bäume waren vielfach so mächtig, daß sie mit Drahtseilen am Boden befestigt werden mußten, wobei Slezak veranlaßte, daß diese möglichst dünn und so gut wie unsichtbar sein mußten. Der Eindruck eines uralten, gewachsenen Waldes sollte so verstärkt werden.

Bei der Besichtigung des Slezak’schen Parks stolperten jedoch die Besucher reihenweise über die Drähte und fielen in den Dreck.

Thoma hatte eine unbändige Freude an dem Anblick. Wenn wieder mal Gäste gekommen waren, die recht hochnäsig auftragen, sagte Thoma verstohlen zu Slezak: ‚Laß ma’s purzeln?‘ Slezak schickte daraufhin die Gesellschaft in den Park und lachte sich mit Thoma halbtot, wenn sie stolperten und auf die Nase fielen.“

(Thumser, S. 121)

7. Station: Gasthof zur Überfahrt (Seehotel Überfahrt), Überfahrtstraße 10

Das ehemalige Klosterlehen am Urfar (Überfahrt) ist seit 1427 nachweisbar. 1743 erwarb Josef Höss, Bauernsohn vom Hagn in Enterrottach, durch Heirat mit der Überführertochter Anna Hagn das Überführeranwesen; seitdem betrieben mehrere Generationen Höss die Überfahrt zwischen dem Egerer Spitz und der Point. 1873 wurde auf dem Anwesen erstmals eine Gastwirtschaft, 1892 die ersten Touristenzimmer eingerichtet und 1902 von Josef Höss (1856-1929), Ökonomierat und Gründer der Motorschifffahrt am Tegernsee, auf dem Nachbaranwesen „beim Moscher“ ein Theatersaal erbaut – der größte im bayerischen Oberland. 1903 gründete der Volksschauspieler und Theaterleiter Michael Dengg (1864-1914) das Große Oberbayerische Bauerntheater, das spätere Tegernseer Bauerntheater. Dieses erfreute sich mit ständig überfüllten Aufführungen im Überfahrtsaal äußerster Beliebtheit; Dengg stellte den damals noch unbekannten Kiem Pauli (1882-1960) als festen Musiker und Kassierer an.

1905 wurde anlässlich des 1. großen Tegernseer Wintersportfests ein Galaabend veranstaltet. Emil Ganghofer zeigte die erste Kinovorstellung mit einem riesigen Lokomobile als Stromversorger. Im selben Jahr begannen im Überfahrtsaal zusammen mit dem Wallbergerverein die alljährlichen Bälle des Vitruvencorps. Emil Ganghofer war von 1903 bis 1910 Schriftführer des Wallbergervereins. Wegen „beruflicher Verhinderung“ führte er dieses Amt danach nicht mehr aus.

Am 12. August 1910 fand im Saal die Uraufführung von Ludwig Thomas Stück „1. Klasse“ statt. Thoma führte selbst Regie. Am 30. März 1930 organisierte dort der Kiem Pauli zusammen mit Professor Kurt Huber (1893-1943) das erste oberbayerische Preissingen.

Nach Denggs Tod 1914 spielte die Bauernbühne unter der Leitung seiner Frau Anna weiter, 1927 gründeten die Brüder Max und Bertl Schultes dann im Überfahrtsaal die Thoma-Bühne. Aufgeführt wurden Stücke in oberbayerischer Mundart, u.a. von Anzengruber, Ganghofer und Thoma. Einen Höhepunkt stellte die Aufführung von Thomas Tragödie „Magdalena“ im Jahre 1930 dar. Das österreichische Sänger- und Schauspielerehepaar Fritzi Massary (1882-1969) und Max Pallenberg (1877-1934) war so begeistert, dass es die Laientruppe an die Berliner Kammerspiele vermittelte.

Bis zum Zweiten Weltkrieg war der Gasthof zur Überfahrt gesellschaftlicher Mittelpunkt im Tegernseer Tal, 1942 diente er wie viele andere Hotels als Lazarett. Nach 1945 konnten Veranstaltungen und das Bauerntheater wieder aufgenommen werden. Ende 1965 stellten die neuen Besitzer, die Familie Hurler, den herkömmlichen Betrieb im Überfahrtsaal schließlich ein.

(vgl. Halmbacher, Bd. 1, S. 547ff., u. Tworek, S. 273f.)

Aus dem Gasthof wurde ein Hotel und dieses nach mehreren Renovierungen komplett neu gebaut. 2001 erfolgte die Fertigstellung. Seit 2007 wird das Hotel von der Hotelkette Althoff Hotels betrieben.

Literarisches Zeugnis (I): Thoma-Anekdote

„Mit Kiem Pauli, Bruder Peter, Emil Ganghofer und Weiß Ferdl saß Thoma in der ‚Überfahrt‘ am Tegernsee und spielte seinen Tarock. Fremde gingen durch und blieben in der Türe stehen, als man ihnen erklärte, hier sitze der berühmte bayerische Dichter Ludwig Thoma. Das Angestarrtwerden haßte Thoma über alles, er wurde immer mißmutiger. Ärgerlich schaute er zu den Damen hinüber, und als sie sich nicht entfernten, fuhr er sie an: ‚Habt’s ös koa Tür dahoam?‘ Die Fremden verstanden den Dialekt nicht, spürten aber, daß es nicht gerade eine freundliche Einladung war zu bleiben. Kopfschüttelnd räumten sie das Feld.“

(Thumser, S. 117)

Literarisches Zeugnis (II): Ganghofer-Anekdote

„Ein andermal saßen Emil Ganghofer, der Bruder Ludwig Ganghofers, Bertl Schultes, Michl Dengg und Ludwig Thoma bei einem Tarock auf der Tuften zusammen. Sie sind in ihr Spiel vertieft, aber Dengg und Schultes müssen in ihr Theater über dem See. Sie können beim besten Willen nicht länger mitmachen. Doch Emil Ganghofer will nicht aufgeben und verlädt die Gesellschaft in seinen Kahn. In der einen Hand hält er die Karten, mit der anderen lenkt er das Boot. Das Spiel geht wild und von Wind und Wellen unberührt weiter. Da merkt Schultes plötzlich, daß das Boot leckt und alle bereits bis zu den Knöcheln im Wasser stehen. Er schreit zu Ganghofer: ‚Emil, was ist los, wir ersaufen ja!‘

‚Is mir gleich‘, schreit Ganghofer zurück. ‚Ich hab ein Herz Solo!‘“

(Thumser, S. 105f.)

Dieselbe Anekdote u.d.T. „Emil Ganghofer und sein Tarock-Spiel“ dokumentiert ausführlicher Bertl Schultes in seinem Buch „Ein Komödiant blickt zurück“.

8. Station: Haus von Emil Ganghofer, Ganghoferstraße 1

Emil Ganghofer kaufte das königliche ärarische Forsthaus am Egerer Spitz und baute es zu seinem Wohnsitz um. (vgl. Halmbacher, Bd. 3, S. 228) Das Haus in der Ganghoferstraße 1 befindet sich rechts neben dem für seinen Theatersaal berühmten Gasthof zur Überfahrt, dem heutigen Seehotel Überfahrt. Emil Ganghofer kaufte sein Haus am 29. Juni 1892. Am 22. Dezember 1913 wird es an seinen älteren Bruder Ludwig überschrieben und am 29. November 1917 wieder an ihn zurück. (vgl. Hypothekenbuch Rottach, Blatt-Nr. 499)

Literarisches Zeugnis: Grete Weil: „Leb ich denn, wenn andere leben“ (1998)

In dem Haus erblickt die jüdische Schriftstellerin, Übersetzerin und Fotografin Grete Weil (1906-1999) am 18. Juli 1906 das Licht der Welt. Aber auch andere Personen leben dort als Mitglieder des Hausstands. Grete Weil berichtet in ihrer Autobiographie „Leb ich denn, wenn andere leben“:

„Ich bin in Egern, an dem von beiden Eltern geliebten Tegernsee, geboren, nicht in unserem eigenen Haus, das gab es damals noch nicht, Vater schenkte den Baugrund Mutter zu meiner Geburt. Hausgeburten waren zu jener Zeit eine Selbstverständlichkeit, sonst wäre es nicht zu begreifen, warum meine Eltern sich für das damals so abgelegene Egern entschieden hatten, wo sie bei Emil Ganghofer, einem Bruder Ludwig Ganghofers, zur Miete wohnten. Im Haus wohnten Emil Ganghofer, der früher zur See gefahren war, und einen nervösen Gesichtstick hatte – jetzt war er Fotograf, setzte seine Kunden vor eine mit Bergen bemalte Leinwand und knipste unter einem schwarzen Tuch –, Emils Frau Bim und sein Sohn Rudi. Da war auch noch Bims Schwester, Grete von Schönthan, eine sehr liebe, kluge ältere Dame, die gemeinsam mit Mann und Schwager den ‚Raub der Sabinerinnen‘ geschrieben hatte. Sie hat es mit ihrem Humor und ihrer Natürlichkeit meinen Eltern so angetan, dass sie ihr Neugeborenes, das zum ersten – und einzigen Mal – das getan hatte, was man von ihm erwartete, nämlich ein Mädchen zu sein, nach ihr Grete nannten.“

(Weil, S. 39f.)

Emil Ganghofers besagte Schwägerin Grete von Schönthan war die Frau des österreichischen Schriftstellers Paul von Schönthan (1853-1905), der zusammen mit seinem Bruder Franz mit der Komödie „Der Raub der Sabinerinnen“ (1884) seinen größten, bis heute wirkenden Erfolg gefeiert hatte. Später heiratete sie den deutschen Schriftsteller Hans Olden (1859-1932). Der u.a. mit Ludwig Thoma, Ludwig Ganghofer und Oskar Panizza bekannte Schriftsteller Max Halbe (1865-1944) klärt über diesen Zusammenhang genauer auf: „Nicht zu vergessen das typische Intellektuellenehepaar Hans und Grete Olden, die nachmalige und vorherige Grete von Schönthan und als solche Mitverfasserin des unverwüstlichen Schwanks ‚Der Raub der Sabinerinnen‘.“ (Halbe, S. 162) Ihre Enkelin Doris von Schönthan (1905-1961) war bei den Eltern Grete Weils eine Art Pflegetochter und als Model, Journalistin und Fotografin schillernde Figur der Weimarer Republik.

9. Station: Ehem. Zierschhaus am Schorn, Ganghoferstraße 11/13 (abgerissen)

„Um die Jahrhundertwende von Lorenz Hofmann im damaligen oberbayerischen Landhausstil erbaut, wurde dieses Landhaus am Egerer Schorn 1902 von Walter Zirsch und seiner Ehefrau, der Industriellentochter Aenne (geb. Schmid, 1878-1939) erworben. Das Zirschhaus am Schorn öffnete sich einem weiten Freundeskreis. Ludwig Thoma, Ludwig Ganghofer, Georg Hirth, Leo Slezak, Max Pallenberg, Fritzi Massary, Albert Langen, Fritz Maassen, Roda Roda und Simplizissimusmaler Weisgerber sind nur einige von vielen, die zu diesem Kreis gehörten. So war dieses ‚Haus am Schorn‘, das Walter Zirsch ‚Malepartus‘ nannte, ein literarischer Mittelpunkt in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. In den 30er Jahren wurde es an den NS-Minister Franz Seldte verkauft und später an dessen Sohn vererbt. 1986 erhielt das Anwesen einen neuen Besitzer.“ (Halmbacher, Bd. 3, S. 240)

Über die genaue Lage des Anwesens gibt es unterschiedliche Quellen:

Die mit Reichsminister Franz Seldte (1882-1947) verheiratete Hildegard Seldte (1883-1967) lebte seit 1945 am Tegernsee, zog nach dem Tod ihres Gatten 1948 nach Schaftlach, bis sie ab 1954 wieder in der Ganghoferstraße 11 gemeldet war. Dieses Haus ist lt. Bauamt seit 1986 abgerissen und der Grund unbebaut.

Die mit Roland Ziersch, einem der beiden Söhne von Walter Ziersch verheiratete Berliner Universitätsprofessorentochter Barbara Ziersch (geb. Harbisch, 1913-?) lebte von 1935 bis 1939 in Rottach-Egern in der Ganghoferstraße 94 1/5 (jetzt 13). Auch dieses Haus wurde lt. Bauamt 1986 abgerissen, 2015 erfolgte dann ein Neubau.

 „Lt. alter Karte von BayernAtlas waren auf dem Grund der jetzigen Nr. 11 zwei Häuser. Ob es sich bei dem zweiten Gebäude damals um 13 handelte, ist nicht bekannt. Es könnte auch ein ‚Zuhäusl‘ gewesen sein. Dann hätten Seldte und Ziersch doch im selben Haus gewohnt ...“ (Leonhard Geller, Gemeindearchiv Rottach-Egern, 2021)

Walter Ziersch (1874-1943), „der Münchner Schriftsteller aus dem Rheinland, von Thoma scherzhaft ‚Köbes‘ genannt“ (Thumser, S. 103), schrieb neben Künstlerbiografien (z.B. über den Schauspieler Gustav Waldau) Erinnerungsbücher über Ludwig Thoma und begleitete diesen in vielen wichtigen Tarock-Sitzungen. Walter Ziersch hatte zwei Söhne, den Schriftsteller und Tukan-Preisträger Roland Ziersch (1904-1969) und den Architekten, Kunstsammler und Mäzen Hans Joachim Ziersch (1913-1995), dessen bis 2005 bestehendes Kuratorium für Landschaftsschutz sich u.a. für den Erhalt der Münchner Villa Stuck, des Hildebrandhauses sowie des Schlosses Tegernsee und des dort befindlichen Gymnasiums einsetzte.

Literarisches Zeugnis: Walter Ziersch: „Ludwig Thoma spielt Tarock. Ein Strauß Erinnerungen“ (1927)

In Gedenken an Thoma, aber auch an Emil und Ludwig Ganghofer hat Walter Ziersch folgenden „Strauß Erinnerungen“ zusammengestellt:

„[...] Ludwig Thoma und sein brüderliches Faktotum Peter, der tagsüber stets zu Hause ist, warten schon an dem wuchtigen Ecktisch im Herrgottswinkel auf die Tarocker. Mein Nachbar Emil Ganghofer, der Bruder des Dichters und ich sind die Ersten. Wir haben den nächsten Weg von Egern herauf. Kaum haben wir nach lustiger Begrüßung Platz genommen, mahnt Peter ungeduldig: ‚Fang’ma an, wenn die andern kemma, muaß i do wieder zuschaug’n.‘ Er teilt, zunächst offen, rundum Karten aus: ‚Ganghofer, du hast d’erste Sau. Du gibst an.‘

Die Pfeifen sind in Brand gesetzt, das Spiel beginnt. ‚Hast auch ordentlich Geld eingesteckt? Heut wirst ausgesackelt, Tünnes‘, verkündet mir Ludwig Thoma, indem er mich, den Rheinländer, nach einer der Figuren des Kölner Hänneschen Theaters benamst. Er schiebt mit gekrümmtem Armen die Fäuste gegeneinander: ‚Hin mußt werden.‘ Ich habe durchaus keine Angst vor dem Verlieren. Peter und Emil spielen mittelmäßig und sind so gut wie bares Geld. Besonders der letztere. So steht in meinem Andreas Vöst als Widmung: ‚s/l Walter Ziersch zur Erinnerung an einen fürchterlichen Tarock gegen Emilio. Egern, den 16. Juni 1911, früh 3½ Uhr. Ludwig Thoma.‘

Der Tarock geht gemächlich seinen Gang, bis Ganghofer und ich durch grobe Fehler Peters nacheinander einige Spiele gewinnen. [...]

Den letzten Skat mit Thoma und Queri spielte ich in der Bauernstube in Tuften. Damals war Ludwig Ganghofer dabei. Dieser hatte einen Skat konstruiert, von dem er behauptete, er gäbe auch dem Spieler mit schlechten Karten Chancen. Mit ‚Jungfrau‘ und ‚Jüngling‘ und viel Ramschrunden. Das war nichts für den guten Queri, der nicht mauern konnte und immer aufs Ganze ging. Er stand am Schluß über 2000 minus. Wir spielten um zwei Pfennig der Punkt, also ein anständiger Verlust. Queri quälte: ‚Noch drei Runden doppelt.‘ Dann ging es vierfach, dann achtfach. Am Schluß war Queri der höchste Gewinner und Ganghofer der einzige Verlierer. Queri freute sich wie ein Schneekönig und schenkte mir – eine Biermarke. ‚Die kannst du als Fünfzigpfenn’gstück ausgeben‘, sagte er. Ich habe die Biermarke verwahrt, als Erinnerung. Denn ein halbes Jahr später war Queri tot. Ein Jahr später Ludwig Ganghofer und wieder ein Jahr später auch Ludwig Thoma. Sein Bruder Peter folgte ihm bald, Emil Ganghofer war schon vorausgegangen.“

(Ziersch, S. 1f., vgl. a. Thumser, S. 111)

10. Station: Ludwig-Ganghofer-Haus (Villa Maria), Seestraße 86

Nach dem Ersten Weltkrieg baute sich Ludwig Ganghofer in der Nähe seines Freundes Ludwig Thoma ein Haus am Tegernsee: die „Villa Maria“. Bereits 1908 hatte dieser ihn zum Kauf eines nahegelegenen Anwesens, des Hagenhofs, überreden wollen. In einem Brief vom 27. Juni schreibt Thoma: „Ich bedauere, dass so viele Kilometer zwischen Dir und mir liegen und es unmöglich machen, für ein paar Stunden in den Heimgarten zu gehen.“ 1918/19 war es dann soweit: Ganghofer erwarb das Grundstück vom früheren bayerischen Kriegsminister Generaloberst Carl Graf von Horn (1847-1923). Viele Jahre blieben Ganghofer allerdings nicht beschieden – am 24. Juli 1920 starb er im Alter von 65 Jahren. Wenige Wochen vorher schreibt Thoma an die Frau des Kommerzienrats Guido Lang: „Maidi [Liebermann] wohnte bei Ganghofer, der reizend eingerichtet ist und mit dem ich lebhafte Nachbarschaft halte.“ (vgl. Braito, S. 591 u. Tworek, S. 258)

Der Besitz ist auch bekannt als Gärn an der Point, später Garnschneider genannt. 1629 unter Hanns Mair; 1702 Chrysogn Linsinger, Klosterküchenschreiber unter Abt Quirin Millon (1654-1715); 1892 Freifrau von Horn. Seit 1934 ist das Grundstück im Besitz der Familien Kellerer-Herzinger. (vgl. Halmbacher, Bd. 1, S. 89)

Das Landhaus an der Seestraße 86 (nicht 78!) ist ein zweigeschossiger Flachsatteldachbau im alpenländischen Heimatstil mit Terrassenvorbau, Lauben, teilverschalter Giebellaube und Segmentbogenfenstern, Ende 19. Jahrhundert. In der Nähe befindet sich das ehemalige Landhaus Karl Stielers, das Westerhof-Café.

Eine Innenaufnahme des Ganghofer-Hauses zeigt dessen stilvoll eingerichtetes Arbeitszimmer. Die Türen des Schreibtisches tragen die Inschrift: „Ohne Fleiß kein Preis“.

Die künstlerische Gestaltung des Lebensraums nahm für Ganghofer eine wichtige Stellung ein. Dies zeigen die selbstentworfenen Einrichtungspläne für sein letztes Haus am Tegernsee – er entwarf sogar einige Möbelstücke und den Kachelofen. Aber auch die erdachte und unter Selbstbeteiligung umgesetzte Einrichtung für das Haus seiner frisch vermählten Tochter Lolo spricht dafür, wie der österreichische Schriftsteller, Ganghofer-Biograf und Freund Vinzenz Chiavacci (1847-1916) festhält.

Literarisches Zeugnis (I): Vinzenz Chiavacci: „Ludwig Ganghofer“ (1905)

 „Wieder einmal nahm ein Gedanke ganz und völlig Besitz von ihm: der Gedanke, dem jungen Paar ein wohliges und künstlerisch ausgestattetes Heim zu schaffen. Den ganzen Winter saß er Nacht für Nacht über seinen Schreibtisch gebeugt und erfand und zeichnete die Einrichtungsstücke für das neue Heim. Alles mußte nach seinen Skizzen angefertigt werden, damit seine Lolo in ihrer Wohnung keinen Gegenstand fände, der nicht aus den zärtlichen Gedanken des Vaters geboren wäre, wie sie selbst aus seiner Liebe. Und als dann auf dem Genueser Corso Magenta die Wohnung eingerichtet wurde, nahm er einen Münchner Kunsttischler mit nach Genua, versetzte täglich ein Dutzend italienischer Arbeiter, die über diesen sonderbaren Tedesco die Köpfe schüttelten, vom Morgen bis zum Abend in schweißtreibenden Aufruhr, kletterte selbst auf jede Leiter, hämmerte und polierte, malte und firnißte, sägte und tapezierte, nagelte mit eigener Hand im gotischen Speisezimmer die fünfhundert goldenen Sterne an die blaue Himmelsdecke – und gönnte sich keine Ruhe, bevor er nicht sagen konnte: ‚So, mein lieb Kind, jetzt wirst du’s schön haben!‘“

(zit. n. Foulon, S. 139)

Literarisches Zeugnis (II): Leo Slezak: „Der Wortbruch“ (1960)

„An einem Freitagnachmittag besuchte er [Ludwig Ganghofer] mich und brachte mir ein altes Heiligenbild aus seinem Elternhause für meine Kapelle. Unter fröhlichen Scherzen verging eine Stunde – dann fuhr er über den See nach Hause. Samstag – am nächsten Tag – ist er gestorben. Wie ein Blitz aus heiterm Himmel traf uns alle die furchtbare Nachricht. Um vier Uhr saß er noch im Kreise seiner Familie, fröhlich und glücklich, hatte eine unsagbare Freude über sein neues Haus, das er sich mit bewunderungswürdigem Geschmack schuf –, von jeder Rose wußte er beseligt etwas zu erzählen ... Da kam der Tod ganz leise, und mit den Worten: ‚Ich bin so glücklich!‘ schloß er die Augen. –

Ein beneidenswerter Mensch! – In der Vollkraft seines Schaffens, ohne die geringste Krankheit, ohne es zu ahnen, schlief er hinüber.

Einen Tag später konnte man ein ergreifendes Bild sehen. Der Sohn Gustav ruderte den Sarg seines Vaters auf dem Segelboote, das dieser so geliebt hatte, hinüber nach Egern auf den kleinen Friedhof.“

(Slezak, S. 131f.)