Herzogin Anna in Bayern_01, © Der Tegernsee (Urs Golling)

Herzogin Anna in Bayern

Powerfrau in Schloss und Brauhaus

Herzogin Anna in Bayern ist Schlossherrin im ehemaligen Kloster Tegernsee und Chefin der Herzoglichen Brauerei Tegernsee. Damit ist sie nach Königin Caroline, Gattin des Wittelsbacher Königs Maximilian I. Joseph von Bayern, die zweite Frau, die in Tegernsee braut – und das Unternehmen mit 90 Mitarbeitern in die Zukunft führt, ohne die Werte der Vorhergegangenen aus dem Blick zu verlieren. Sie engagiert sich außerdem im Gesundheits- und Kulturbereich, schätzt die Landschaft und den Menschenschlag im Tegernseer Tal und liebt zeitgenössische Kunst. Wir sprechen darüber, was es bedeutet, die 209-jährige Geschichte der Wittelsbacher im Tegernseer Tal fortzuführen, über Identität, Tegernseer Bier und woraus sie Kraft schöpft, das alles zu stemmen.

Steckbrief:
Name: Herzogin Anna in Bayern – Freifrau von Maltzan zu Wartenberg und Penzlin
Wohnort: Tegernsee
Worum geht’s? Herzoglich Bayerisches Brauhaus, mehr als 200 Jahre Wittelsbacher am Tegernsee

Wenn man Ihnen begegnet, so wie beispielsweise jetzt in diesem Interview, wie spricht man Sie korrekt an?

Ich habe gemerkt, dass sich manche Leute am wohlsten fühlen, wenn sie Frau Bayern sagen. Betriebsintern jeder, wie er möchte.

Wie vervollständigen Sie den Satz: Heimat bedeutet für mich …?

Heimat ist ein ganz starker Bezugspunkt für jemanden, der sich verwurzelt fühlt. In erster Linie sind es die Menschen, aber auch die Landschaft und andere Aspekte. Daraus speisen sich dann auch das Denken und Handeln. Und so geht es auch mir.

Zur Tegernseer Woche führen Sie durch die Privaträume des Tegernseer Schlosses und damit durch die mittlerweile 209-jährige Geschichte der Wittelsbacher am Tegernsee – wie zuvor schon Ihre Mutter über viele Jahre. Was wollen Sie den Besuchern vermitteln?

Wenn die Besucher zum ersten Mal in dieses Vestibül kommen, in diese Marmorhalle, dann haben sie immer dieses ehrfürchtige „Huh“. Und ich hoffe, dass dies während der Führung weggeht, dass die Leute verstehen, was es für ein zeitlicher und finanzieller Aufwand ist, so ein Gebäude zu erhalten. Und hoffentlich kann ich vermitteln, dass dieses Haus für alle immer ein geliebtes Zuhause war, seit es in Familienbesitz ist. Ich zumindest spüre das deutlich, wenn ich hier bin. Und ich würde mich freuen, wenn die Größe des Hauses gegen Ende der Führung überlagert wird vom Verständnis, dass es für uns das Zuhause und der wirtschaftliche Mittelpunkt ist.

Man hört manchmal „Adel verpflichtet“ – was heißt das für Sie?

Das stand bei uns nie im Vordergrund, meine Eltern und meine ganze Familie ticken nicht so. Es ist eher ein „Familie verpflichtet“. Wenn man hier durchs Haus geht, sieht man überall Porträts von den Vorgängern – und sie haben alle immer versucht, es zu verbessern. Da hat keiner auf Substanz gelebt. Sie sind mit den Zeiten und Möglichkeiten umgegangen, so gut sie konnten. Auch mein Vater hat das so vorgelebt. Deshalb ist es weniger eine Verpflichtung, sondern man schaut, was möglich ist und wie man dieser Linie treu bleibt.

Ist Ihr Leben eine Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne? Ein Spagat zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft?

Nehmen wir beispielsweise unten im Vestibül diese moderne Lichtskulptur: Für meine Eltern ist das ein Bruch und für mich ist es eine Fortführung. Ich sehe Tradition nicht als Hindernis. Wenn man sie ernst nimmt, sieht man mit dem Blick nach hinten, was es braucht, um nach vorn weiterzugehen. Dementsprechend kann man auch Einschätzungen treffen. Natürlich muss man Traditionen auch immer auf den Prüfstand stellen. Vielleicht ist es auch teilweise ein Spagat, aber einer, den man bewerkstelligen kann.

Für ein Studium der Politikwissenschaften gingen Sie zunächst nach Paris. Es hätte sicher auch andere Optionen gegeben – Sie entschieden sich aber schließlich für den Tegernsee. Warum?

Ich habe Paris wirklich geliebt, aber ich bin nicht der größte Stadtmensch. Wir sind Anfang der 80er Jahre ins Chiemgau umgezogen, wo meine Eltern heute noch leben, aber für mich war es immer der Tegernsee und das Tegernseer Tal. Deswegen hatte ich immer diesen „Stalldrang“. Ich wusste auch schon lange, dass ich weitermachen darf in Tegernsee. Mein Vater hat immer wieder gebaut und investiert, und ich habe gesehen, dass da Schwung drin ist. Das war und ist spannend.

Sie sind in die Fußstapfen Ihres Vaters getreten, als Sie die Geschäfte von ihm übernahmen. Mittlerweile leiten Sie mit dem Herzoglichen Brauhaus ein Unternehmen mit 90 Mitarbeitern. Was hat er Ihnen mitgegeben?

Was er meinen Schwestern und mir mitgegeben hat: immer mutig, tendenziell leise und liberal tolerant zu sein. Er hat vorgelebt, nicht referiert. Vor der Übergabe hat er mir seine Einschätzung gegeben, wo er Herausforderungen und Chancen sieht und was möglich ist. Und als er übergeben hat, hat er wirklich übergeben. Das war ein Grund, warum ich mir nie Sorgen gemacht habe, ob das mit ihm funktionieren kann. Er hat immer ein offenes Ohr gehabt und es gab nie einen Kampf zwischen den Generationen. Wir beraten uns bis heute regelmäßig. Er ist immer informiert, hat Aspekte, die es zu bedenken gilt, und darüber hinaus habe ich alle Freiheiten und ein sehr gutes Team an meiner Seite.

Sie sind die zweite Frau, die in Tegernsee Bier braut. Die erste war Königin Caroline. Ist sie ein Vorbild?

Nicht nur Caroline – sondern die ganze Reihe. Mir fällt es leichter, die Generationen zu verstehen, die mir zeitlich näher sind. Herzog Karl Theodor hat als Erster studiert und ist ein berühmter Augenarzt geworden. Seine Frau Marie José hat mit ihm zusammengearbeitet und nach seinem Tod die Augenklinik in eine Stiftung überführt. Sie ist 1943 gestorben. Es ist also nicht nur Königin Caroline ein Vorbild, weil sie die Brauerei nach dem Tod von König Max weitergeführt hat, sondern es sind alle, weil sie etwas aufgebaut haben. Ich kenne übrigens eine ganze Handvoll Frauen, die eine Brauerei übernommen haben, in meiner Generation oder jünger.

Herzogin Anna in Bayern 02, © Der Tegernsee (Urs Golling)
Herzogin Anna in Bayern 02

© Der Tegernsee (Urs Golling)

Was hat sich die letzten Jahre unter Ihrer Führung in der Brauerei verändert?

Was den Kern der Brauerei angeht, da habe ich nichts verändert. Unantastbar ist – und ich hoffe auch in Zukunft – die Art und Weise, Bier zu brauen, zurückgehend auf die klösterliche Tradition. Keine Abkürzungen zu nehmen und immer die Qualität des Produktes im Blick zu haben, darauf basiert alles. Ein großer Schritt war, die Abfüllung nach Moosrain zu verlegen, und die letzte große Neuerung war das alkoholfreie Bier. Dank der neuen technischen Möglichkeiten können wir heute ein alkoholfreies Helles machen, das wir im Betrieb gut finden und aus Überzeugung vertreten.

Zuvor gab es schon das „Leichte“ – auch ein moderner Schritt in Richtung alkoholreduzierter, gesunder Lebensweise?

Mein Vater hat sich damals für das Leichte entschieden, weil man mit den technischen Möglichkeiten noch sagen musste: Wir können kein alkoholfreies brauen, hinter dem wir stehen. Das Leichte Tegernseer ist ein tolles Produkt, ich habe das auch sehr gern. Da sieht man noch einmal, dass meinen Vater das Stille und Mutige auszeichnet.

Haben Sie ein Lieblingsbier unter den Tegernseer Bieren?

Es kommt auf die Jahreszeit an. Das Dunkle tendenziell eher in der kalten Jahreszeit, im Winter. Wenn ich mal ein Radler trinke, dann immer nur mit Pils – ich habe auch das Pils sehr gern. Sie sind alle sehr gute und süffige Biere.

Was sind die Herausforderungen, eine traditionsreiche Brauerei zu leiten und in eine moderne Zukunft zu führen?

Man kann immer nur versuchen, innerhalb der Rahmenbedingungen das Beste daraus zu machen. Wenn die Rahmenbedingungen für Unternehmen sich derart verschlechtern, wie es jetzt der Fall ist, dann ist das bedenklich. Ich hoffe, dass bald ein Umdenken in der Politik stattfindet. Natürlich schauen wir nach vorn und gehen die Schritte, von denen wir überzeugt sind, dass sie die Zukunft der Brauerei sichern. In diesem Jahr haben wir ein neues Kapitel aufgeschlagen und führen unsere traditionsreiche Brauerei im Hellbierbereich in eine gemeinsame Zukunft mit der Weißbierbrauerei Hopf in Miesbach.

Herzogin Anna in Bayern 03, © Der Tegernsee (Urs Golling)
Herzogin Anna in Bayern 03

© Der Tegernsee (Urs Golling)

Sie sagen, das Wertvollste, das das Tegernseer Tal besitzt, ist Identität. Was bedeutet das für Sie?

Dieses Tal hat eine Mentalität, die ich schätze: eine ausgeprägte Identität und viele Macher, die Entscheidungen treffen, die nicht nur ihnen selbst, sondern dem ganzen Tal helfen. Nehmen wir etwa die Landwirte. Sie haben nicht durch Verkäufe maximiert, sondern fühlen sich anderen Werten verpflichtet. Daher haben wir Bauernhöfe, die in der 14. Generation geführt werden, und das meine ich mit Identität. Das ist das A und O hier im Tal. Ein anderes Beispiel ist das Bräustüberl. Es existiert seit 350 Jahren und bis heute setzen sich alle gemeinsam an die Tische und reden miteinander. Einerseits gibt es Beständigkeit und andererseits Entwicklung – und bei all dem ist es aber noch das Tegernseer Tal. Hier geht’s übrigens zu den TegernseeTalks mit Bräustüberl-Wirt Peter Hubert und dem Almbauern Anton Maier.

Das Gasthaus Herzog Maximilian in Gmund hat ebenfalls sehr viel mit Identität zu tun…

Der Maximilian ist eine der ältesten Tavernwirtschaften im Tal. Es gab immer eine Verbindung, schon wegen des Namens, und innerhalb der Geschichte war es zweimal kurz in Familienbesitz. Anzusehen, wie er leer stand, das war immer ein Schmerz. Wir hatten vor Jahren schon mal darüber nachgedacht, aber zum damaligen Zeitpunkt gesagt: Das können wir nicht schultern. Als sich dann ein paar Jahre später die Chance geboten hat, waren wir uns im Betrieb einig: Wir haben’s jetzt im Rücken, das schaffen wir! Und es hat funktioniert. Es war für alle Beteiligten die spannendste Baustelle, die wir je hatten. Rein aus Investorensicht würdest du das nie machen, aber das ist immer eine Mischung, es geht eben nicht um Maximierung.

Und jetzt gibt es Pläne für das alte Traditionswirtshaus in Wilparting bei Irschenberg …

Das ist wie beim Maximilian: Wir hatten die Möglichkeit, das alte Traditionswirtshaus im Zuge des Erbbaurechts über 99 Jahre zu übernehmen. Das Wirtshaus ist wunderschön gelegen, gegenüber der markanten Wallfahrtskirche, die man von der Autobahn aus sieht, mit Blick auf die Alpen.

Privat liegen Ihnen – neben der Familie – drei Dinge am Herzen: die Kunst, die Musik und die Berge … Sie engagieren sich unter anderem im künstlerischen Beirat des Olaf Gulbransson Museums?

Das macht große Freude und ist ein gutes Beispiel für Tradition und Moderne. Michael Beck hat es in den letzten Jahren in eine neue, hochspannende Richtung geführt. Museen gehören zu den ganz wenigen Institutionen, die durchweg und von allen als etwas Positives und Verbindendes empfunden werden. Der Erfolg des kleinsten Filialmuseums der Staatsgemäldesammlungen strahlt auf die ganze Region. Nehmen wir beispielsweise die Ausstellung „Picasso, Beckmann, Turner und andere“, die von der Süddeutschen zu Unrecht als ‚Sammelsurium‘ bezeichnet wurde. Ich kenne Sammler, und da bist du reingegangen und hast eine Sammlerseele gesehen! … und das macht die Qualität der Sonderausstellungen aus. Ich habe mich auch gefreut, dass es im neuen Sammlungsführer Beiträge von Leuten aus dem Tal gibt, die dem Museum nahestehen, nicht nur von Kunsthistorikern. Das verbindet und man geht gemeinsam vorwärts.

Außerdem sind Sie im Vorstand der Stiftung Herzog Karl Theodor, der gemeinnützigen Trägerin der Augenklinik Herzog Karl Theodor in München…

Ich habe 2012 den Posten meines Vaters übernommen, der ihn 40 Jahre innehatte, und bin vollverantwortlich im Vorstand der Augenklinik. Das ist eine tolle Aufgabe, aber auch sehr schwierig. Gesundheit ist einer der reguliertesten Bereiche, die wir in Deutschland haben. Da wird jede kleine Detailfrage zur Herausforderung. Warum gibt es beispielsweise nur noch so wenige Augenärzte, die schielende Kinder operieren? Weil Schiel-OPs sich per Gesetz nicht lohnen. Die Stiftung ist mir ein großes Anliegen geworden. Ohne Herzog Karl Theodor und Marie José wäre ich nicht hier. Also ist es vollkommen selbstverständlich, das weiterzuführen. Das geht aber zeitlich nur, weil wir in der Brauerei und im Familienunternehmen eine so fantastische Mannschaft haben.

Können Sie auch mal richtig abschalten und neue Energie tanken? Woher schöpfen Sie die Kraft?

Einmal pro Woche gehe ich auf den Berg. Mir gibt diese Landschaft immens viel Kraft. Der Geruch vom See im Frühling, im Herbst – wie es riecht, wenn der erste Schnee fällt… Und auch Kunst gibt mir immens viel Kraft. Ich weiß, in welcher Stimmung ich mir welches Bild anschauen muss, um Kraft zu schöpfen. Wir haben bei uns nur zeitgenössische Kunst, und da werden verschiedene Sinne angesprochen. Kunst ist eben nicht Handwerk, Kunst ist mehr. Ich gehe irgendwo durch und sehe ein Kunstwerk, und plötzlich spricht es mit mir. Da öffnet sich etwas.

Verraten Sie Ihren Lieblingsplatz im Tegernseer Tal?

Wir sind in Wildbad Kreuth aufgewachsen. Zum Beispiel auf dem Weg in die Langenau, da gibt es einen Fleck, der heißt Lahngarten. Der ist für mich fast mystisch. Das liebe ich an Kreuth: Du ziehst dir gescheite Schuhe an, gehst los und bist in einer halben Stunde ganz woanders. Hier in Tegernsee ist es der See, der diese Wirkung auf mich hat. Diese unterschiedlichen Stimmungen, das Licht, die Schreie der Möwen im Winter… Und ich liebe auch diese zwei Kiefern, die da draußen stehen. Kurz gesagt: Es gibt einige Lieblingsplätze.

Was sollten Besucher des Tegernseer Tals Ihrer Meinung nach unbedingt unternehmen?

Egal was, bitte mit Respekt – wir sind keine Kulisse. Ich habe eine große Amerika-Affinität und dort steht an jedem Nationalpark: Leave no trace – hinterlasse keine Spuren. Gäste sind hier zu Besuch, so wie auch wir zu Besuch sind, wenn wir woanders hinreisen: Bitte respektvoll, und das gilt für alle.

Persönliches Motto:

Da folge ich gern dem Satz von Hannah Arendt: „Ich rechne mit dem Schlimmsten, ich hoffe auf das Beste und ich nehme es, wie es kommt.“

Weitere Informationen: Zur Seite vom Herzoglichen Brauhaus Tegernsee geht’s hier.

Impressionen

Herzogin Anna in Bayern 03, © Der Tegernsee (Urs Golling)
Herzogin Anna in Bayern 03

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Herzogin Anna in Bayern_01, © Der Tegernsee (Urs Golling)
Herzogin Anna in Bayern_01

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Herzogin Anna in Bayern 02, © Der Tegernsee (Urs Golling)
Herzogin Anna in Bayern 02

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