TELITO_Poetische Glanzlichter , © Dietmar Denger

Poetische Glanzlichter

Im Tegernseer Tal sind seit dem Mittelalter einzigartige Kultur- und Literaturschätze entstanden: der erste Ritterroman in lat. Versen „Ruodlieb“, das älteste Liebesgedicht in dt. Sprache „Tegernseer Liebesgruß“, die umfangreichste bekannte mitteleuropäische Quelle für Kunst- und Werktechniken „Liber illuministarum“, aber auch Dichtungen der Kaiserin Sissi und Künstlerfamilie Stieler, der „Brandner Kaspar“ und „Das Liebeskonzil“. Der Spaziergang wirft Schlaglichter auf die Werke und ihre Entstehungsorte.

Die erste Station führt zum früheren Kloster. (1) Über die Bahnhof- und die Waldschmidtstraße geht es zum „Paradies“ (2). Vom Sonnleitenweg zum Stieler-Denkmal (3) und Stieler-Haus (4). Dann mit dem Bus oder zu Fuß (Sommer-Alternative: Überfahrer) zum Rottach-Egerner Rathaus (5) über die Südliche Hauptstraße in die Fürstenstraße 5 (6) und 8 (7). Die letzten Stationen bilden das Hotel Überfahrt (9) und das Hotel Bachmair am See (10).

Überblick

Das Tegernseer Tal ist seit vielen Jahrhunderten ein Zentrum kulturellen Schaffens. Bedeutende und berühmte literarische und künstlerische Werke sind seit dem Mittelalter bis heute am Tegernsee entstanden.

Noch zu wenig bekannt ist über die spektakuläre Literatur, die ausgehend vom Kloster Tegernsee bis 1803 hier geschrieben wurde. In Vergessenheit geriet, dass das Kloster Tegernsee einst das benediktinische Zentrum und literarische Zentrum Altbayerns war und verbunden damit auch ein Mittelpunkt deutscher Glas- und Buchmalerei und Musiktheorie. Überragende Bedeutung hatte Tegernsee auch durch seine Schreib- und Malschule und durch seine Bibliothek, die als eine der größten des Abendlandes galt

Tatsächlich sind im früheren Kloster Tegernsee einzigartige Werke entstanden: Von dem Mönch Froumond ist aus dem 10. Jahrhundert eine Sammlung selbst verfasster lateinischer Gedichte und Briefe überliefert, die einen einmaligen Einblick in den mittelalterlichen Klosteralltag geben. Aus dem 11. Jahrhundert stammt der Ruodlieb, der erste bekannte Ritterroman in lateinischen Versen. Aus dem 12. Jahrhundert kommen das älteste bis heute bekannte Liebesgedicht in deutscher Sprache, der sogenannte Tegernseer Liebesgruß und der Ludus de Antichristo, eines der ältesten Zeugnisse dramatischer Kunst in Europa.

Ein bedeutendes Werk aus der Frühen Neuzeit ist das um 1500 in Tegernsee entstandene sogenannte Liber illuministarum, die bisher umfangreichste mitteleuropäische kunsttechnologische Schrift und ein Lehrbuch für Buchmaler.

Tegernseer Mönche, allen voran der Bibliothekar Konrad Sartori, sammelten und kopierten Anweisungen und Rezepturen unterschiedlicher Herkunft für die damals bekannten Kunst- und Werktechniken und bündelten sie zu einer Sammelhandschrift, deren Schwerpunkt die Arbeitsbereiche in einem Skriptorium bilden: Pergament- und Lederbearbeitung, Farben- und Tintenherstellung sowie Färbe- und Vergoldungstechniken werden hier ausführlich beschrieben. Mit mehr als 750 Vorschriften ist der „Liber illuministarum“ tatsächlich dazu die bedeutendste spätmittelalterliche Rezeptsammlung. Mit weiteren Texten zu Medizin, Mathematik, Alchemie und Metallurgie, zu Hauswirtschaft, Gerberei und Pyrotechnik geht die Sammlung jedoch weit über den Bereich des Skriptoriums hinaus.

(Wichtig ist auch die sogenannte Tegernseer Haggadah, eine Erzählung und Handlungsanweisung zum jüdischen Pessachfest. Diese Schrift, die in letzter Zeit grosses Interesse von Wissenschaftlern aus den USA, Israel und Deutschland auf sich gezogen hat, gibt Auskunft über das Verhältnis von Christen und Juden im 15. Jahrhundert. Seit sie aus dem Benediktinerkloster Tegernsee an die Bayerische Staatsbibliothek kam, gehört die spätmittelalterliche Handschrift mit der Signatur Cod.hebr. 200 wegen ihrer prächtigen Ausstattung zu den Kostbarkeiten ihrer Hebraica-Sammlung. (Erst jüngst stellten Forscher aus den USA,  Israel und Deutschland aber fest, dass atypische Illuminationen aus christlicher Hand die Textsammlung zum jüdischen Pessachfest christlich umdeuteten und das jüdische Sedermahl auf die Eucharistie hin interpretierten.)

Aus dem 18. Jahrhundert sind aus Tegernsee auch bedeutende Mirakelbücher überliefert, die die Legende des hl. Quirinus, Gebete und Anweisungen zum Gebrauch des Quirinus-Öls beinhalten.

Aufhebung des Klosters Tegernsee 1803

Als im Zuge der Säkularisation auch das Kloster Tegernsee 1803 aufgehoben wurde, und alle kirchlichen Güter in ganz Bayern eingezogen und in staatliche Obhut überantwortet wurden,  kamen all diese bedeutenden literarischen Kunstwerke und Tausende der über 40.000 Bände umfassenden Bibliothek in die staatlichen Sammlungen, zumeist in die Münchner Hofbibliothek, die heutige Bayerische Staatsbibliothek. Nach 1803 wurde das Tegernseer Tal als „öde Gegend“ bezeichnet. Tatsächlich hatte der Lokalkommissar Probleme, den riesigen Klosterkomplex zu verkaufen.

Neue Ära ab 1817

1817 kaufte König Max I. Joseph von dem Freiherrn von Drechsel die Tegernseer Klosteranlage. Weitere klösterliche Besitzungen (Gut Kaltenbrunn, der Bauer in der Au, Wildbad Kreuth, der Entenbacher Marmorbruch, Almen etc.) wurden von ihm noch dazu gekauft. Das frühere Kloster wurde zum königlichen Sommerschloss. Der bayerische Hof trat sozusagen die Nachfolge des Klosters als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum an. Die königliche Sommerresidenz im Tegernseer Tal zog schnell Mengen an prominenten Besuchern, Künstlern, Literaten und Sommerfrischlern ins Tegernseer Tal, das nun zu einer der beliebtesten Gegenden Bayerns wurde.

Verbunden damit entstanden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Tegernseer Tal wieder zahlreiche einzigartige literarische Werke. Inspiriert vom Tegernseer Tal fand in etlichen auch das Tegernseer Tal selbst einen literarischen Niederschlag. So zum Beispiel in Franz von Kobells Brandner Kaspar (1871) und den literarischen Werken der Künstlerfamilie Stieler, in Maximilian Schmidts Der Musikant von Tegernsee (1886) und in den Kreuther Stimmungsgedichten der Kaiserin Sissi (1887), dann auch in Oskar Panizzas berüchtigtem Liebeskonzil (1894) und den Sommerdirndln der Schriftstellerin Carry Brachvogel (1923)   

1.Station: Früheres Kloster Tegernsee

Hier im Klosterbereich sollen zwei der drei bedeutenden literarischen Dichtungen vorgestellt werden, die hier im Mittelalter entstanden sind: der Ruodlieb und der Tegernseer Liebesgruss. Dem Drama Ludos de antichristo ist ein eigener Spaziergang gewidmet.

Der Ruodlieb

Mit dem Ritteroman Ruodlieb, ist uns aus dem Mittelalter ein einmaliges Kompendium weltlichen Lebens überliefert. Höchstwahrscheinlich hängt diese aussergewöhnliche literarische Schöpfung eines anonymen Autors mit der künstlerischen Blütezeit des Klosters Tegernsee im 11. Jahrhundert zusammen, in dem auch die Baukunst des Klosters, seine Erzguß-, Glas- und Buchmalerei höchstes Ansehen besaß.

Vom Ruodlieb sind 2305 zum Teil verstümmelte Verse auf insgesamt 38 Pergamentblättern erhalten. Sie befinden sich heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Dass dieser Roman in Tegernsee entstanden ist, ist aufgrund von Besitzvermerken aus dem 15. Jahrhundert und handschriftlichen Forschungen sicher. Der in einem antiklassischen Latein verfasste Text, ist durchsetzt mit griechischen und deutschen Wörtern. Auch der Name des Helden Ruodlieb ist deutsch.

Spiegel gesellschaftlichen Lebens

Ohne die Informationen, die uns der Ruodlieb bietet, wäre unsere Kenntnis des täglichen Lebens und des höfischen und diplomatischen Verhaltens im Mittelalter, äusserst bescheiden. Insgesamt wird im Ruodlieb das Bild einer harmonischen Gesellschaft gezeichnet. Ein Grossteil der Erzählung spielt im bäuerlichen Bereich. Auffallend ist der Reichtum der Bauern.

Man erfährt, dass der weltliche Adel aus Herzögen, Grafen und adligen Rittern besteht. An der Spitze des Staates steht der König, dem Ratgeber und Getreue zur Seite stehen. Von den Hofämtern werden Kämmerer, Truchseß und Mundschenk genannt. Der Klerus besteht aus Bischöfen, Kaplänen, in ihrem Dienst stehenden weltlichen Geistlichen und aus den Äbten und ihren Mitbrüdern.

Der Ritter

Zu den Fähigkeiten eines gut erzogenen und ausgebildeten Ritters zählenJagd- und Fischfang, Schachspiel, Saitenspiel, Tanz und Waffenhandwerk. Lesen und Schreiben werden nicht erwähnt. Als junger Mann trägt der Ritter keinen Bart. Im reiferen Alter jedoch gehört ein Kinnbart auf weisser Haut und rosigen Wangen zum Schönheitsideal. Man erfährt, dass Ruodliebs Rüstung aus Brünne, Tunika, Stahlhelm und Schwert besteht. Sein Knappe trägt seinen Schild, die Stosslanze und den Köcher. Der kostbarste Besitz des Ritters sind sein Pferd und Hund, dann ein Horn aus Greifenklaue, ein Lederbecher und ein purpurnes Kissen.

Essgewohnheiten

Auch über die Tischsitten und Essgebräuche beim Adel und beim Großbauern erfährt man viel: Täglich gibt es 2 Mahlzeiten, die am Vormittag und am Abend eingenommen werden. Nach und bisweilen auch vor dem Essen wäscht man sich die Hände. Gegessen wird an kleinen Tischen, meist zu zweit. Am Ende des Mahles werden die Tische „aufgehoben“ und weggetragen. Beim Adel gibt es mehrere Gänge, nach jeder wird ein Becher mit einem Getränk geleert. Beim Großbauern fehlen die Tischtücher. Bei Ihnen gibt auch nicht mehrere Gänge, aber immerhin Fleisch, und auch Wein. Gegessen wird mit Messer und Löffel: die Gabel wird in Deutschland erst Ende des 17. Jahrhunderts entwickelt. Im Ruodlieb findet man sogar eine Art Speisezettel der bäuerlichen Bevölkerung (V. 39-87).

Männertracht

Die Männertracht besteht aus Hemd, kurzer Tunika, kurzem Schultermantel, langer Hose, Schenkelbinden und Bundschuhen. Seit Anfang des 11. Jahrhunderts machte sich der byzanntinnische Einfluss geltend, die Kleider wurden länger, die Stoffe kostbarer. Als wertvollstes Kleidungsstück überhaupt gilt der Pelzmantel. Auch über damals übliche Schmuckstücke erfährt man eine Menge.

Um was es im Ruodlieb geht

Im Ruodlieb wird die Zusammenkunft zweier Könige geschildert. Einer ist dabei bedeutungsvoller als der andere. Dahinter wird heute die historische Zusammenkunft Kaiser Heinrichs II. mit Robert von Frankreich im Jahre 1023 vermutet. Dementsprechend wird der Roman auch als Schlüsselroman verstanden, der vom Aufstieg eines nichtadeligen lehenlosen Ritters in den Reichsdienst erzählt- und auch als Haus- und sippengebundene Literatur für mittelalterliche Adelsgeschlechter diente.

Herrscherideal und Werte

Im Ruodlieb wird ein Herrscherideal präsentiert, eine moralische und staatspolitische Grundhaltung, die auch als „ritterliche Tugenden“ eines Herrschers bekannt sind. Das Bild des grossen Königs ist geprägt von Stärke, Weisheit, Großmut, Güte, Demut, Bescheidenheit und Freigebigkeit. Werte, die auch an Christus als herrscherliche Idealgestalt angelehnt sind. Von größter Bedeutung ist der Wert der Treue, das Treuegelöbnis steht an oberster Stelle. Der aufstrebende junge christliche Ritter im Ruodlieb erscheint als eine Art verkleinertes Abbild des grossen Königs, an ihm orientiert er sich.

Im Ruodlieb erfährt man auch viel über die damalige Rechtsprechung. Zum Beispiel, dass ein Schöffengericht unter dem Vorsitz eines Schultheissen über Verbrechen wie Mord und Ehebruch, Urteile fällte oder welches damals gebräuchliche Arten der Hinrichtung und Verstümmelung waren.

Bekannt ist der sogenannte Ruodlieb auch für die königlichen Weisheitslehren, die in ihm vermittelt werden. Kurz auf den Punkt gebracht lauten diese so:

Königliche Weisheitslehren

Trau keinem Rotkopf; denn das sind jähzornige und schlechte Menschen

Verlasse nie den schmutzigen Dorfweg, um durch die Säten zu reiten, sonst wird man dich schelten und Du wirst dann vom Zorn hingerissen werden

Kehre nie ein, wo der Mann alt und die Frau jung ist, sondern dort, wo umgekehrt der Mann jung und die Frau alt ist

Verleihe nie eine trächtige Stute zum Eggen; sonst geht ihr Junges zugrunde.

Besuche nie einen Dir noch so lieben Freund zu oft; denn das Seltene pflegt man höher zu schätzen als das Alltägliche

Nehme nie eine noch so schöne eigene Magd zur Frau, weil sie sonst sofort übermütig wird

Suche dir die Frau nur da, wo die Mutter es rät. Wenn du sie hast, behandle sie gut, bleibe aber ihr Meister. Offenbare ihr auch nie deine geheimen Absichten, damit sie nicht, wenn sie von dir gescholten wird, unangemessenen Gebrauch davon macht

Beherrsche den Zorn und schiebe die Rache über Nacht auf

Lasse dich nie in einen Streit mit deinem Herrn ein. Schenke ihm das, was er von dir leihen will. Dann wirst du wenigstens Dank von ihm gewinnen, während im andern Falle beides verloren geht, das Ding und der Dank

Wo du eine Kirche siehst, empfiehl dich den Heiligen. Wo geläutet wird oder gesungen, eile hin und verrichte deine Andacht; das verlängert nicht die Reise sondern verkürzt sie

Wenn dich jemand auffordert, um Christus willen die Fasten zu brechen, so weigere dich nicht; dadurch brichst du nicht sein Gebot sondern erfüllst es

Hast du Ackerland an der Strasse, so ziehe keine Graben, um die Leute von den Säte fernzuhalten, sonst umgehen sie die Graben und du hast den doppelten Schaden

Im Ruodlieb erfährt man kuriose Dinge aus der Kräuter- und Steinkunde im Mittelalter. Zum Beispiel wie man mit dem Buglossenkraut Fische fängt oder mit dem Luchsstein Edelsteine herstellt

Das Buglossenkraut - Fische fangen mit dem Buglossenkraut

Dem Ruodlieb zufolge hat das Buglossenkraut (Ochsenkraut) pulverisiert drei Eigenschaften: Wirft man es in ein alkoholisches Getränk, so kann man, soviel man auch davon trinkt, nicht betrunken werden. Fressen Wölfe oder andere Tiere davon, so erblinden sie. Fressen Fische davon, so können sie nicht wieder ins Wasser abtauchen, sondern müssen sich an der Oberfläche des Wassers aufhalten. Dieses Wissen kann man sich für den Fischfang wie folgt zunutze machen:
Man fertigt aus dem Kraut Pillen an und wirft sie in den See, wonach die Fische sofort schnappen. Von einem Boot aus kann man die an der Wasseroberfläche schwimmenden Fische nun  mit einer Gerte an's Ufer treiben, wo sie leicht gefangen werden können. Woher hat der Dichter diese naturwissenschaftlichen Fabelkenntnisse? Sie stammen aus Plinius (Hist. nat. 25, 40) und aus dem im Mittelalter vielgelesenen und vielfach umgearbeiteten sogenannten Pseudo-Plinius.

Der Luchsstein (Ligurius = Bernstein) - Edelsteinherstellung mit dem Luchs

Im Mittelalter galt der Luchs als sehr wertvoll, weil man aus seinem Harn angeblich einen kostbaren Edelstein gewinnen kann: den sogenannten Ligurius. (Bernstein) Der Sage nach geht das so: Man nimmt den Luchs und bindet ihn mit den Pfoten an vier in den Boden eingeschlagenen Nägeln fest. Durch Halsfesseln macht man es ihm unmöglich, die Stricke zu zerbeissen. Danach gibt man ihm süssen starken Wein zu trinken. Ist der Luchs betrunken, so lässt er wider Wissen und Willen den Harn, der durch ein Loch im Boden in eine darunter gestellte Schüssel fliesst. Stirbt der Luchs ohne zuvor den Harn gelassen zu haben, so nimmt man ihm die  Blase heraus, sticht diese mit der Nadel an und drückt den Urin in die Schüssel. Diesen giesst man tropfenweise in viele kleine kupferne Gefässe, gräbt diese ein und lässt sie 15 Tage unter der Erde. Nach Ablauf dieser Frist sind die Tropfen zu ebensovielen Edelsteinen crystallisiert.

Der Tegernseer Liebesgruß

Als Tegernseer Liebesgruß bezeichnet man das älteste bis heute bekannte Liebesgedicht in deutscher Sprache. Es handelt sich dabei nicht um einen Original-Titel, sondern um eine nachträgliche Bezeichnung. Das Gedicht selbst ist auf mittelhochdeutsch verfasst. Er entstand wohl zwischen 1160 und 1186 und umfasst nur fünf Verse. Diese lauten so (nebeneinander stellen)

Mittelhochdeutsch:

Du pist min ih bin din

des solt du gewis sin

du bist beslossen in minem herzen

verlorn ist das sluzzelin

du most och immer darinne sin.

Auf neuhochdeutsch:

Du bist mein, ich bin Dein

Dessen sollst gewiss sein.

Du bist eingeschlossen in meinem Herzen.

Verloren ist das Schlüsselchen

Du musst auf immer darin sein

Karl Lachmann und Moriz Haupt nahmen den Tegernseer Liebesgruß in die 1857 von ihnen herausgegebene Anthologie Des Minnesangs Frühling auf. (Foto) Der Name leitet sich von dem mittelhochdeutschen Terminus minne ab, der als ‚liebevolles Andenken‘, ‚Liebe‘ oder auch ‚Zuneigung‘ übersetzt wird.. Diese zielte zumeist auf die Verehrung einer hochgestellten  Dame.

Die Handschrift CLM 194111

Den Tegernseer Liebesgruß findet man in der Gebrauchshandschrift CLM 19411, die im Kloster Tegernsee in Kollektivarbeit von 12 Schreibern angefertigt wurde. Mit der Aufhebung des Klosters Tegernsee im Jahre 1803 gelangte die Handschrift an die Münchener Hofbibliothek, die Vorgängerin der heutigen Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Die mittelhochdeutschen Verse des Tegernseer Liebesgrusses sind eingebettet in einer auf Latein verfassten Korrespondenz zwischen einem Magister und seiner Freundin. Diese Korrespondenz besteht aus elf lateinischen Freundschafts- bzw. Liebesbriefen, und einem Konvolut von insgesamt 306 Musterbriefen. Ob es sich dabei um Abschriften echter Korrespondenz oder um fingierte Briefe handelt, ist bis heute nicht bekannt.

Erwähnt sei, dass sich im Codex CLM 194111 auch das Theaterstück Ludus de Antichristo findet. Bei diesem Drama handelt es sich um ein geistliches Spiel, dass nur in dieser Handschrift überliefert wurde. Es umfasst 414 Verse, die vom Kampf zwischen dem christlichen Endkaiser, der die Herrschaft über die Welt gewinnt, und dem Antichrist handelt.

Vom Kloster begibt man sich jetzt in die Bahnhofsstraße und läuft Richtung Bahnhof die Straße solange hoch, bis man zur rechten Hand auf die Waldschmidtstraße stößt.

2.Station: Maximilan Schmidt: Der Musikant von Tegernsee (1886), Waldschmidtstr. 1

Die Waldschmidtstrasse, die von der Bahnhofstrasse beim alten Gendarmeriegebäude abzweigt und entlang des Alpbaches zum Prinzenweg führt, erinnert an den Volksschriftsteller Maximilian Schmidt, genannt Waldschmidt. Tatsächlich zählt Maximilian Schmidt (1832-1919) zu den bekanntesten bayerischen Heimatschriftstellern des 19. Jahrhunderts. Wie viele, so wurde auch Waldschmidt durch seine Aufenthalte am Tegernsee zu literarischen Werken mit Lokalkolorit animiert. 1886 verfasste er den Tegernsee Roman Der Musikant von Tegernsee, der 1914 als einer der ersten Heimatromane von August M. Kormann verfilmt wurde. 1921 ein weiteres Mal von der Fata Morgana Film GmbH München. 2014 inszenierte Andreas Kern den „Musikant von Tegernsee“ als Theaterstück. Unter großem Applaus wurde es am Tegernseer Volkstheater im Rahmen der Tegernseer Woche uraufgeführt.

Lieblingsautor von König Ludwig II. 

König Maximilian II. (1811-1862) und König Ludwig II. (1865-1886), der ihn sogar zum Hofrat ernannte, waren begeisterte Anhänger von Maximilan Schmidts Romanen.

Der 13. Juni 1886 war ein Tag, der in die bayerische Geschichte einging. An diesem Tag starb König Ludwig II. Das Buch, dass der Märchenkönig noch zwei Stunden vor seinem Tod las, stammte von seinem Lieblingsschriftsteller, Maximilian Schmidt, (genannt Waldschmidt), hiess Leonhardiritt und spielte in Kreuth. Doch nicht nur König Ludwig verehrte den Schriftsteller, ganz Bayern lag ihm 1886 zu Füßen, dem Bestsellerautor, der eine Wirklichkeit abbildete, die den Geschmack der Zeit bediente. 1886 war auch das Jahr in dem der Musikant von Tegernsee erschien. 

Der Musikant von Tegernsee

Wie Maximilian Schmidt in seinen Lebenserinnerungen berichtet, schrieb er den Musikanten von Tegernsee  auch auf Einladung der Wiener Zeitung hin, die ihn als Fortsetzungsroman in ihrer Zeitung zuerst veröffentlichte.  Die Handlung des Romans:

Oben auf der Gindlalm gesteht der Jäger Franzl im Sommer 1836 seinem bestem Freund, dem Tegernseer Musikanten Baptist, dass er die schöne Sennerin Celli, die Tochter des Bauern auf der Neureuth begehrt und sich, so glaubt er, berechtigte Hoffnungen macht. Baptist soll es übernehmen dem hübschen Mädchen das Zitherspiel beizubringen. Das ist nur eine der Maßnahmen, die der Jäger sich ausgedacht hat, um aus Celli eine zu ihm passende vornehme Dame zu machen, weil er selbst nach der großen Forstkarriere strebt. Doch seine Rechnung geht nicht auf, denn Cilli und Baptist verlieben sich ineinander. Um das dem besten Freund nicht beichten zu müssen, versuchen sie ihm Mamsell Urschel als die perfekte Partie unterjubeln. Denn sie, die bereits in einem feinen Forsthaus als Haushälterin gearbeitet hat, kann wunderbar gebildet französisch sprechen. Was zunächst zu gelingen scheint, mündet dann aber in ein grosses Unglück. Auf der Gindlalm geraten nicht nur die Kühe in Streit. Auch Stadt und Land prallen aufeinander, was sich in den komischsten Sprachverwicklungen widerspiegelt, denn schon damals sprach in München kaum noch jemand bayerisch.

Schmidts Musikant von Tegernsee ist nicht nur ein Roman, tatsächlich ist er auch ein Tegernsee Reiseführer. Durch ihn lernt man auch das damalige Tegernsee mit seinem Lokalkoloriert und bayerischen Dialekt kennen, denn der Musikant von Tegernsee ist durchzogen von vielen Ausführungen und Informationen zu Tegernsee und dem Tegernseer Tal. Durch das Buch lernt man auch die Landschaft und Natur im Tegernseer Tal kennen, auch über wichtige lokale Örtlichkeiten, wie zum Beispiel die Neureuth, das Paradies und den Westerhof wird man aufgeklärt. Mengen an Informationen erhält man auch zur Geschichte und Kultur Tegernsees, lernt die Geschichte des Tegernseer Klosters kennen, die Tegernseer Tracht und erfährt was für ein Typ von Mensch der Tegernseer und die Tegernseerin sind. Hier ein Ausschnitt:

„Die Tegernseer sind ein schöner, kräftiger Menschenschlag. Ihre Gestalt ist hoch, der Gliederbau schlank und von schönem Verhältnis, die Muskulatur voll und derb. Die Züge sind heiter und verständig, das Haar ist meist blond, das Auge offen, die Gesichtsfarbe blühend, die Haltung des Körpers leicht und frei. Der Gang, der den Hirten und Jäger bekundet, ist bedächtig und gerade.

Das weibliche Geschlecht teilt die Vorzüge des männlichen. Die Gebirglerin ist schlank, hoch, von vollen Formen, weißer Hautfarbe, frischem Rot des Gesichtes. Das Haar ist lang, weich und hängt in zierlichen Flechten herab.

Die Tracht der Männer ist die beim Musikanten und Jäger-Franzl beschrieben, dazu schließt sich noch um die Hüfte ein lederner Gurt. Den Kopfschmuck macht ein Hütchen aus mit schmalem Rand, oben spitz zulaufend, mit einer Tresse, einem Gamsbart, oder einer Spielhahnfeder geziert. Die Kleidung des weiblichen Geschlechts besteht in einem engen und knapp anliegenden Faltenrock, der bis an die Knie reicht, einem fest anliegenden Leibchen und dem mit Schnürriemen festgeschlossenen Brustlatz. Bei Wohlhabenderen sieht man im Mieder wohl auch eine silberne Uhr mit schwerer Kette stecken. Auch die Frauen tragen bauschige Socken. Den Kopf ziert ebenfalls der grüne Hut, mit Blumen, Bändern und Tressen geschmückt. Die alten Weiber tragen aber die runde, schwatze Wollhaube, die sehr unkleidsam ist..

Die Hauptzüge des Charakters dieser Leute sind treue Biederkeit, gutmütige Ehrlichkeit, feste Anhänglichkeit an Religion und angestammtes Fürstenhaus, eine handfeste, nie die Gefasste berechnende Schlagfertigkeit, stille, einträchtige Häuslichkeit und sättige Scham. Dabei ist der Hochländer munterer Natur, gesellig und witzig. Er haßt Heuchelei, Kriecherei und Feigheit. Beleidigungen rächt er schnell im aufbrausenden Zorn, jedoch ist er leicht versöhnlich und trägt nicht nach. Verwundet man jedoch seine Ehre, so rührt er nicht, bis ihm durch Rache seine volle Genugtuung geworden ist. „

Wer war Maximilian Schmidt?

Maximilian Schmidt wurde am 25. Feb. 1832 in Eschlkam im Bayerischen Wald geboren. Schon als Neunjähriger schrieb er ein Theaterstück. Mit 16 begann er in München zu studieren. Als dem Vater das Geld ausging meldete er sich 1850 freiwillig zum Militär. Die erhoffte Karriere blieb aus. In München knüpfte er Kontakte zur besseren Gesellschaft, wurde Leiter des Chor -Kadettenheaters. 1863 heiratete Leutnant Maximilian Schmidt. Die Mitgift war beträchtlich und so leistete das Ehepaar sich Häuser und Wohnungen in den besten Vierteln von München und eine Villa am Starnberger See. 1863 erscheint sein erster Roman: Das Fräulein von Lichteneck, wodurch er Zugang zu König Maximilian erhält. Dieser will, dass Schmidt die bayerische Geschichte in kleinen, ansprechenden Erzählungen an das Volk vermittelt. Diesen Wunsch erfüllt Schmidt dem König mit seinem gesamten Werk. Als das Königreich Bayern 1866 mobil macht und an der Seite Österreichs gegen Preussen in den Krieg zieht, ist Oberleutnant Schmidt als Kompanieführer an vielen Gefechten beteiligt. Der Krieg endet mit einem Sieg Preussens und seiner Verbündeten. Ludwig II. muss die Unabhängigkeit Bayerns aufgeben. Schmidt wird einer Erkrankung auf unbestimmte Zeit pensioniert.

Lebenskrise

1869 verlässt Schmidt München, um im Bayerischen Wald eine neue Existenz zu gründen. Er wird Unternehmer und baut in Regensburg bei Köstling eine Fabrik zur Herstellung von Holzstoffpappe. Die Papierfabrik und unvorhergesehene Kosten vernichten sein Vermögen. 1870 zieht er mit in den Krieg gegen Frankreich, wo er Dienst in der Schreibstube tun muss. Erneut erkrankt er und wird wieder in Pension geschickt. Wegen seiner Schulden, darf er auch die geliebte Uniform nicht mehr tragen. Jahrzehnte kämpft er um seine Rehabilitation. Er geht zurück nach München. Es ist sein schlimmstes Lebensjahrzehnt. Als Schriftsteller hat er kaum veröffentlicht und als Soldat und Unternehmer ist er gescheitert.

Literarischer Durchbruch mit König Ludwig II. und der Fischerrosl

Schmidt besinnt sich auf seine Wurzeln und beginnt wieder zu veröffentlichen. Der bayerische Wald und das Alpenvorland sind die Handlungskulisse seiner Werke. Mit simplen Erzählstrukturen, geschriebenen Dialekt und ausgiebigen Naturschilderungen aber auch mit großer volkskundlicher Kenntnis entwirft er ein Bild der bayerischen Provinz und trifft den Geschmack der Zeit und des Monarchen. Waldschmidt diktiert und seine Frau schreibt. König Ludwig ist so begeistert von der Fischerrosl, dass er das Ende des Buches nicht erwarten kann. Täglich schicken beide ein Kapitel von Ambach wo sie den Sommer verbringen nach Schloss Berg zum König, der schon ungeduldig auf die Lektüre wartet. Mit der Fischerrosel kommt der große Durchbruch. Waldschmidt wird in Bayern und darüberhinaus zum beliebtesten Volksschriftsteller seiner Zeit. Am 18. April 1884 ernennt König Ludwig II. den Schriftsteller aus Eschlkam zum königlichen Hofrat. 

Theater und Film

Viele Stücke Waldschmidts werden im Theater am Gärtnerplatz und im Volkstheater in München aufgeführt. Mehr als 40 hat er verfasst. Der absolute Renner ist das Auftragsstüberl, das 400 mal aufgeführt wird, sogar in Amerika. Auch der Film entdeckt Waldschmidt. 1911-1915 produziert die Firma Münchner Kunstfilm 4 Stummfilme nach seinen Büchern, darunter auch den Leonhardiritt und den Musikant von Tegernsee. Diese Filme, die mit den Heimatfilm begründeten, gelten heute als verschollen. Allenfalls die Standbilder können noch einen Eindruck vermitteln.

Bedeutung

Schmidts Engagement für das bayerische Königreich war enorm. 1890 gründete er den Fremdenverkehrsverband und forderte Bayern müsse das meist besuchte Land werden. 5 Jahre später organisierte er ein großes Volkstrachtenfest, um das aus seiner Sicht geradezu langweilige und einförmige Oktoberfest aufzufrischen. Daraus entstand der heute so berühmte Trachten- und Schützenzug. Zahlreiche Gedenktafeln in Bayern erinnern an Schmidt, den einst berühmten Schriftsteller, der aber im Laufe der Zeit immer mehr in Vergessenheit geraten ist. Gestorben ist er 1919. Begraben liegt er im Familiengrab auf dem Münchner Südfriedhof.

3.Station: Franz von Kobell - Der Brandner Kaspar, Paradies

Das Paradies siedelte der Schriftsteller Franz von Kobell (1803-1822) in seiner G´schicht von Brandner Kasper nicht ohne Grund in Tegernsee an. Tatsächlich gibt es in der Stadt Tegernsee ein Gebiet, das genau so heisst. Auch der Schriftsteller Maximilian Schmidt erwähnt und beschreibt es 1886 in Der Musikant von Tegernsee: „und der Albach geradewegs aus dem Paradiese kommend, wie das nahe, von Platanen und riesigen Tannen bestockte tiefe Bergthal genannt wird“. Diese Örtlichkeit ist der Anlass hier im Tegernseer „Paradies“ Franz von Kobell und seinen Brandner Kaspar vorzustellen.

Franz von Kobell gilt als der Schöpfer der bayerischen Mundartdichtung. Er, der wie Maximilian Schmidt, dem Wittelsbacher Königshaus sehr nahe stand, wurde im Jahr der Klosteraufhebung 1803 geboren. Seine „G´schicht von Brandner Kaspar“ (1871), zu deren Handlungskulisse (auch) das Gebiet in Tegernsee rund um das Paradies zählt, hat sich zu einer der populärsten bayerischen Erzählungen entwickelt. (Daran haben auch der Film und das Theaterstück, das Kurt Wilhelm 1975 für die Bühne bearbeitet hat, einen Anteil.)

Es war die Hochzeit mit seiner Kusine Caroline, die Kobell ins Tegernseer Tal geführt hatte. Sein Onkel, Staatsrat Egidius von Kobell (1772-1842), besaß hier mehrere Häuser in Egern (Station 7 und 8) in denen Kobell in den Sommermonaten mit seiner Familie die Sommerfrische verbrachte, und sich zu  literarischen Werken inspirieren liess.

Ein  Meisterwerk - G´schicht vom Brandner Kaspar

Die G’schicht’ von Brandner Kasper, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts spielt, gilt als absolutes Meisterwerk der bayerischen Mundartdichtung. Sie erschien zuerst in der Zeitschrift Fliegende Blätter Nr. 1363 und 1364 im Jahr 1871 mit stimmungsvollen Illustrationen von Ferdinand Barth.

Bei dieser Erzählung handelt es sich um eine in oberbayrischer Mundart geschriebene humorvolle Auseinandersetzung zwischen einem Tegernseer und dem Tod. Sie führt vor, wie es dem Brandner Kaspar gelingt, den Tod zu überlisten und seinen Tod um 15 Jahre aufzuschieben.

Kaspar Brandner, ein rüstiger Vierundsiebzigjähriger, lebt als Schlosser, Büchsenmacher und Jagdgehilfe am Tegernsee. Seine Frau Traudl ist bereits verstorben, seine beiden Söhne dienen als Soldaten in einem bayerischen Artillerieregiment. An einem Abend erscheint bei ihm der „Boandlkramer“ (der Tod) und will ihn mit sich nehmen. Als Kostprobe sei hier der Anfang der Erzählung bis zu dem Moment, wo der Tod an die Tür klopft wiedergegeben:

Der Brandner-Kasper is a' Schlosser g'west und hat bei Tegernsee a' kloa's Häusl g'habt, hübsch hoch ob'n a'm Albach, wo mar auf Schliersee 'nübergeht. Da hat er g'haust mit sein' Wei', die Traudl g'hoaß'n hat und mit seini zwoa Buab'n, mi'n Toni und mi'n Girgl; die san zeiti' Seldat'n wor'n und hamm in an' Artollerie-Regiment 'dient in' Land d'raußt. Der Kaspar is a' fleißiger braver Mo' g'west und lusti' und schneidi. G'forcht'n hat er ihm vor gar nix und hat amal an' groß'n wininga Hund, der a' Dirn umg'rennt hat und hätt's z'riss'n, frei mit der Hand bei'n Krag'n packt und hat 'n a so an a' Mauer hi'g'worfa, daß er nimmer aufg'stand'n is und 'n Hagmoar vo' Scharling hat er sei' Raaffa und Spetaklmacha bei der Mess' auf der Kaiserklaus'n aa' vertrieb'n. Neb'n seiner Schlosserarbet hat er's Büchs'nmacha guat verstand'n und für d' Jaaga d' Stutz'n g'frischt und z'amm'g'richt, besser was a' Büchs'nmacher in der Stadt. Is aa' 's Jag'n und 's Scheib'nschieß'n sei' größti Freud' g'west und hat auf d' letzt überall jaagern derfa, denn der Forstmoaster hat an ihm an' verlässinga Jagdg'hilf'n g'habt und der nix 'kost' hat. Wier er auf die Jahr kumma is, is sei' Traudl g'storb'n, hat 'n recht g'schmerzt, weil's gar a' guats und taugsams Wei' g'wes'n is und jetz' hat er halt alloa' für ihm a so furtg'lebt und no' in sein' fünfasieb'zigst'n Jahr hat ihm weiter nix g'feit an der G'sundheit und hat g'jaagert und g'schoss'n wier a' fufz'ger.

Jetz' sitzt er amal dahoam und hat ihm an' Rechblatter z'ammg'richt und probirt, und überdem klopft's an der Thür. Denkt er, wer muaß denn da draußt sei', denn dees A'klopfa is bei'n ihm net Brauch g'west und ruaft nacha »No' eina!« Jetz' kimmt da an' elendiger Loda 'rei, zaundürr, daß er grad 'klappert hat und bloadi und hohlauget, an' abscheuliga Kerl.

Der Kasper sagt: »Was geit's, was willst?

Na' der ander': »Kasper, i' bi' der Boanlkramer und ho' Di' frag'n woll'n, ob D' nit ebba mit mir geh' willst?«

Nach vielen vergeblichen Ausflüchten gelingt es dem Brandner, den Boandlkramer mit Kirschgeist abzulenken, betrunken zu machen und ihm beim Kartenspiel die Zusage abzugaunern, ihn erst mit 90 Jahren in den Himmel zu holen. Als einige Jahre später eine Sennerin aus der Nachbarschaft des Brandner Kasper verunglückt und in den Himmel kommt, führt ihre dortige Einlassung zur Aufdeckung des unerlaubten Handels zwischen dem Brandner Kaspar und dem Tod. Auf Befehl des Hl. Petrus begibt sich der Boandlkramer wieder an den Tegernsee, um den längst Überfälligen nun aber doch abzuholen. Auch wenn der Brandner Kaspar inzwischen sehr unter den schlechten Zeiten gelitten hat und seine Söhne in der Schlacht gefallen sind, will er dem Tod wieder nicht folgen. Allerdings lässt er sich dazu überreden, mal einen kurzen Blick ins Paradies zu werfen. Oben angekommen, wird er von Petrus zu seinen Söhnen, seiner Frau und anderen Verwandten empfangen. Die Freude über das Wiedersehen und das Erstaunen über die Herrlichkeit des Paradieses überwältigen ihn, sodass er beschließt, einfach „oben“ zu bleiben.

> Den Text der G´schicht´ vom Brandner Kaspar finden Sie auch hier: https://www.projekt-gutenberg.org/kobell/brandner/brandner.html

Der Brandner Kaspar im Theater

Die Titelfigur, der Schlosser und Büchsenmacher Kaspar Brandner, der mit Kirschgeist und einer Wette dem Tod ein Schnippchen schlägt, ist wiederholt dramatisiert worden, so von Joseph Maria Lutz, Eduard Stemplinger und schließlich von Kobells Urgroßneffen Kurt Wilhelm (Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben, 1975). In dieser Fassung begegnet man dem Brandner Kaspar noch heute oft in München und den Theaterbühnen rund um den Tegernsee

Wer war Franz von Kobell? Leben in zwei Welten

Franz von Kobell (1803-1882) war nicht nur ein bekannter Heimatdichter, sondern auch ein bekannter Professor für Mineralogie. Er entstammte einer alteingesessenen bekannten bayerischen Beamtenfamilie und war der Sohn von Franz von Kobell (1779-1850), dem damaligen Generalsekretär im kgl. Staatsministerium des Innern. 1820 immatrikulierte sich Kobell junior an der Universität Landshut, wo er zuerst Jura, dann Chemie und Mineralogie studierte und bereits mit 21 Jahren den Doktortitel von der Universität Erlangen erhielt. Als König Ludwig I. 1826 die Universität von Landshut durch König Ludwig I. nach München verlegte, wurde Kobell zum Professor der Mineralogie berufen. Mit seinen Lehrbüchern und der Entdeckung neuer Gesteinsarten machte er sich hier schnell einen großen Namen. Am bekanntesten sind seine in mehrere Sprachen übersetzten Tafeln zur Bestimmung der Mineralien mittelst einfacher chemischer Versuche (1846) und seine Geschichte der Mineralogie (1864). Doch er machte auch Erfindungen: ein unabhängig von Daguerre entwickeltes Lichtbildverfahren (1839), die „Galvanographie“ als Mittel zur drucktechnischen Bildwiedergabe (1840), das Stauroskop zur Bestimmung der Schwingungsrichtung des polarisierten Kristalllichts (1855) und ein Elektroskop für Mineralien (1863).

Schöpfer der oberbayerischen Mundartdichtung

Zeitgenossen rühmten Kobell als außerordentlichen Dialektdichter, der die oberbayerische Mundart literaturfähig machte. Tatsächlich wurde sein literarisches Werk zum Vorbild für viele Mundartautoren des 20.Jahrhunderts. 1839 veröffentlichte er ein nach dem Mineral Triphylin  benannten Gedichtband mit Gedichten in hochdeutscher, oberbayerischer und pfälzischer Mundart. 1841 folgten Gedichte in oberbayerischer Mundart. Weitere Mundartgedichte erschienen 1844 in den Erinnerungen an Berchtesgaden. Bereits ein Jahr darauf brachte Kobell über 300 Schnaderhüpferl unter dem Titel Schnadahüpfln und Sprüchln als eigenes Buch heraus.

Mundartgeschichten, Theaterstücke und eine Jägerbibel

Doch Kobell veröffentlichte auch Mundartgeschichten und Theaterstücke. Mehrere oberbayerische Volksstücke, darunter Der Roaga und Der Rauba, wurden im Münchner Hoftheater aufgeführt. Unter dem Namen Wildanger, eine Art Jägerbibel,  brachte er 1959 „Skizzen aus dem Gebiete der Jagd und ihrer Geschichte mit besonderer Rücksicht auf Bayern“ heraus. Das Buch war ein Ergebnis seiner langjährigen Erfahrungen als Jäger, in der seine Freude an der Jagd auch Nichtjägern nahezubringen versuchte.

Kobell starb im November 1882 nach einem schweren Leiden in München, wo er auf dem Südfriedhof begraben wurde. Sein Nachlass befindet sich heute in der Bayerischen Staatsbibliothek.

Am 14. November 1882 erschien auf der Titelseite der Münchner Neuesten Nachrichten folgendes Gedicht:

Am Grabe von Franz von Kobell

Auch Du gehst fort - von jenen Alten

Der letzte, der weithin ums Land den blanken Baiernschild gehalten -

Du gibst ihn unserer jüngeren

Hand…

Drum geht Dein Stern auch niemals nieder

Und wenn Du schläfst im stummen Sand,

Dann hallt das Echo Deiner Lieder

Im Mondlicht von der

Felsenwand.

Es war Karl Stieler, der dieses Gedicht seinem Freund Franz von Kobell widmete. Auch Stieler, ein damals gleichfalls  bekannter Heimat- und Dialektdichter und seine gesamte Familie waren engst mit Tegernsee verbunden. Der Weg auf dem man sich befindet, führt direkt zum Karl Stieler Denkmal.

4.Station:  Karl Stieler Denkmal

An den Heimat- und Dialektdichter Karl Stieler (1842-1885) erinnert heute noch das Karl-Stieler-Denkmal am Leeberghang in Tegernsee. 1887 hat die Stadt Tegernsee es an dieser Stelle errichten lassen. Karl Stieler war der Sohn des bekannten Münchner königlich-bayerischen Hofmalers Joseph Stieler (1781-1858) und dessen zweiter Frau Josephine. Wie Kobell hat auch Stieler viel Zeit im Tegernseer Tal verbracht. Viele seiner Dichtungen sind in Tegernsee im Haus seines Vaters an der Point im Stielerhaus, entstanden. (Station 5)

Trotz künstlerischer Neigungen entschied sich der 1842 in München geborene Karl Stieler zum unspektakulären Jura-Studium, das er 1869 mit Staatsexamen und Promotion in München abschloss. Daraufhin wurde er am Bayerischen Reichsarchiv München als Archivbeamter angestellt. 1871 heiratete er die Nürnberger Kaufmannstochter Mary Bischof, mit der er drei Töchter bekam.

Seine zahlreichen literarischen Werke, die er neben seiner beruflichen Tätigkeit verfasste, veröffentlichte Stieler in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Doch gab er auch verschiedene Gedichtbände heraus. 1865 erschien der Lyrikband Bergbleamln, 1869 das Buch Posthornklänge mit Reisebildern. Berühmt wurden auch Stielers Hochlandlieder (1879, 1881) der Gedichtband Ein Winteridyll (1885) und seine – an seinen Freund Franz von Kobell erinnernde – Mundartlyrik.

Besonders eng mit dem Tegernseer Tal und dem Stielerhaus verbunden, sind die Gedichte, die   Stieler in dem Gedichtband Winteridyll vereint hat. Sie handeln von seinen Erlebnissen und Gefühlen in Landschaft im Tegernseer Tal, seine Aufenthalten im Stielerhaus, von seinem Vater, seiner Mutter,  Kindheits- und Jugenderinnerungen.  

Im Winter 1884/85 zog sich Stieler eine schwere Erkältung zu, von der er sich nicht mehr erholte: Nach einer Kahnfahrt im März 1885 in Tegernsee wurde er mit hohem Fieber nach München zurücktransportiert. Dort starb Stieler am 12. April 1885 mit nur 43 Jahren in seiner Wohnung. Drei Tage später wurde er nach Tegernsee überführt und auf dem dortigen Friedhof beigesetzt.

Ludwig Thoma und Georg Queri nahmen Karl Stieler 1913 in ihr Bayernbuch Hundert bayrische Autoren eines Jahrtausends auf. Hier informierten sie auch darüber, dass seine Dialektgedichte mittlerweile in 6 Bändern erschienen seien und das Winteridyll mittlerweile sogar vor der 40. Auflage stehe. Als poetische Glanzlichter und repräsentativ für Karl Stieler präsentierten sie in ihrem Buch zwei seiner Mundartgedichte: Der Floßknecht und Die Nahderin.

Letzteres über die „Näherin“ sei hier wiedergegeben:

Die Nahderin

Die Nahderinnen hocken rum

So stad, wie d´Fliegen in der Stubn

Heut da, heut dort – ´s denkt Niemand hin

Auf d´Nahderin.

Der Alt zählt ruhig am Tisch sei Geld

Hat der so viel – du liebe Welt!

Do mäuserlstad im Winkel drin

Hockt d´Nahderin.

Die Mutta macht ihr Heirathsg´red:

den möcht ma gern, den nahem ma net,

Do mäuserlstad im Winkel drin

Hockt d´Nahderin.

As Mädel zieht sich aus – ah Narr,

Wer moant´s daß die schief gwachsen war,

Do mäuserlstad im Winkel drin

Hockt d´Nahderin.

Der Bub stürmt ham – der that koa gut,

Die Altem greinen voller Glut,

Do mäuserlstadt im Winkel drin

Hockt d´Nahderin.

Gott gnad enk, Mutta, Bub und Mädel,

Die hat a Zügel wie a Nadel,

Die woaß jetzt Alls, im Winkel drin,

Die Nahderin!

Vom Stieler-Denkmal ist es nicht weit zur nächsten Station, dem Stielerhaus in der Seestraße 74.  Dieses Haus hat Stielers Vater, der Porträtmaler Josef Stieler, der sich 1812 in München niedergelassen hatte, von König Ludwig I. als ein Geschenk erhalten. In ihm richtete sich die vielfältig künstlerisch und schriftstellerisch tätige Familie Stieler einen Sommerwohnsitz ein. Dies war das Haus in welchem Stieler auch die Werke schuf, welche von ihm am berühmtesten geworden sind: Das Winteridyll, die Wanderzeit und die Hochlandlieder.

5.Station:  Stieler Haus

Als König Ludwig I. im Sommer des Jahres 1829 mit seinem Hofmaler Joseph Stieler (1781-1858) einen Spaziergang am Tegernsee machte, sagte der König, wohl auch besonders beeindruckt von der schönen Kulisse und dem herrlichen Blick, der sich ihm an der Point in Tegernsee darbot: „Also Stieler, er baut sich hier ein Sommerhaus“. Der Hofmaler Joseph Stieler stand damals auf der Höhe seines europäischen Ruhms. Kurze Zeit zuvor hatte er das bekannte Beethovenporträt und das berühmte Goethebildnis gemalt. Er war es auch, der die Bilder für König Ludwigs I. Schönheitsgalerie im Nymphenburger Schloß schuf, alle im gleichen Format. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat Stieler den Porträtstil in München bestimmt.

Das biedermeierliche Sommerhaus mit Atelier wurde von Joseph Stieler, nach Erwerb des Grundstücks 1829 als eines der ersten Stadthäuser am Tegernsee erbaut. Bald fungierte es als Vorbild für weitere Häuser und Ansiedelungen bedeutender Künstler im Gefolge des königlichen Hofes im Tegernseer Tal. Heute befindet sich in diesem nahezu unveränderten Haus das Westerhof-Café, in dem Lesungen, Konzerte, kulinarische Themen-Abende, Vorträge und Präsentationen stattfinden.

Dora Stieler (1875-1957)

Nicht nur Karl Stieler hat in diesem Haus viele seiner Dichtungen geschrieben. Auch Dora Stieler, eine seiner Töchter, die das poetische Talent des Vaters geerbt hatte, hat hier den Großteil ihrer literarischen Werke verfasst. 1857 mit 83 Jahren ist sie sogar im Stieler-Haus verstorben. Ihr Grab befindet sich neben dem Grab ihres Vaters auf dem Tegernseer Friedhof.

Die 1875 in München geborene Dora Stieler wuchs in Schwabing und Augsburg auf und lebte seit 1910 im Stielerhaus. Mit 13 Jahren litt sie an einer Augenkrankheit, die dazu führte, dass sie nur mit einem Auge sehen konnte. Das hinderte sie nicht daran Gedichtbände auf Hochdeutsch und in Mundart zu schreiben. Tatsächlich war Dora Stieler eine von nur 5 Schriftstellerinnen, die Ludwig Thoma (1867-1921) und Georg Queri (1879-1919) 1913 in ihr Bayernbuch „Hundert bayerische Autoren eines Jahrtausends“ aufnahmen. Sie lobten, die „ernst schlichte hochdeutsche Lyrik“ Dora Stielers, die „ausdrucksvoller und wettbewerbsfähiger“ sei als die Werke ihres Vaters. Folgendes Gedicht präsentierten sie dabei als repräsentatives Werk für Dora Stieler:

Es ist ein Sieg

Es ist ein Sieg; ich trag die Stirne hoch.

Und kann sie hoch selbst vor mir tragen.

Um wieviel mehr vor allen andern noch.

Doch oftmals, wenn die Mitternacht geschlagen,

Dann findet sie mich mit gebeugten Knieten

Vor jener Kraft, die mir die Kraft verliehen,

Und wenn die Nacht im Morgengrau verdämmert,

Halt ich die Hand noch immer auf dem Herzen,

Das hämmert, hämmert

Um dieses Sieges Schmerzen.

Dora Stielers Nachlass befindet sich in der  Bayerischen Staatsbibliothek. Bis heute wurde er nicht erforscht und literarisch erschlossen.

Ottilie Malybrok-Stieler  (1836-1913)

Dora Stieler war nicht die einzige schreibende Frau aus der Famiile Stieler. Fährt man in Tegernsee zum Parkplatz Point ein, steht links von der Einfahrt das Stieler-Haus. Rechts davon stand früher die Villa Kleinschrod, die später abgelöst wurde durch ein Haus der Seeverwaltung an der gleichen Stelle. Seit einigen Jahren steht hier ein höheres Wohnhaus.

In der früheren Villa Kleinschrod wohnte die 1836 geborene Ottilie Kleinschrod, eine Halbschwester von Karl Stieler, die das Ps. O. Malybrok-Stieler trug. (Foto: Ottilie Malybrok-Stieler) Sie war die jüngste Tochter des königlich-bayerischen Hofmalers Josef Stieler und seiner ersten Frau Pauline Becker, die vier Wochen nach Ottilies Geburt starb. Zwei Jahre darauf heiratete ihr verwitweter Vater die Dichterin Josephine von Miller, die Ottilie und ihre vier älteren Geschwister erzog und nach mehrjähriger Ehe die Mutter dreier Söhne wurde. Der älteste war der spätere Dichter Karl Stieler und Ottilies Halbbruder.

Von klein auf beschäftigte Ottilie sich mit Musik, fühlte sich zu slawischen Sprachen und Volksliedern hingezogen. Erst nach ihrer Heirat mit dem kgl. bayr. Beamten W. Kleinschrod, fing auch sie mit dem Schreiben an. Im Auftrag deutscher und österreichischer Komponisten bearbeitete sie slavische Texte für ein- und mehrstimmigen Gesang. Ihre Musikwerke erschienen damals in Berlin, Prag, Düsseldorf, Hamburg, Leipzig und Dresden. 1887 trat sie dann auch selbst als Dichterin mit einem Band lyrischer Gedichte und Übersetzungen böhmischer Kunst- und Volkspoesie in Erscheinung. Das Buch widmete sie ihrem Bruder Karl Stieler. Auslöser war sein Tod, der sie zutiefst erschütterte. Als Ottilie 1890 Witwe wurde, zog sie sich ganz in die Villa Kleinschrod neben das Stielerhaus zum Schreiben zurück. 1891 erschien ihr zweiter Gedichtband Seerosen. Begeistert vom böhmischen Dichter Julius Zeyer, verdeutschte sie auch mehrere seiner Epen unter dem Titel Neueste Poesie aus Böhmen. Danach veröffentlichte sie noch das lyrische Werk Minne und einen Zyklus erotischer Lieder.

Von der Point nimmt man im Sommer entweder vom Überfahrer das Boot rüber nach Tegernsee oder man läuft oder fährt mit dem Bus nach Rottach.

6.Station: Kaiserin Sissi - Kreuther Stimmungslieder, Rathaus

Noch heute findet man an der Wand des heutigen Rathauses in Rottach-Egern (seit 1927 Rathaus von Rottach-Egern) eine Gedenktafel, die an den Besuch der Kaiserin Elisabeth, auch Sissi genannt, in diesem Haus am 28. August 1888 erinnert. Damals hiess es allerdings noch „Villa Valerie“ und gehörte ihrer Nichte Marie Louise. Sie war jene berühmt berüchtigte Gräfin Larsch, die später in Zusammenhang mit dem bis heute rätselhaften Tod des Kronprinzen Rudolf von Habsburg im Jahr 1889 und seiner Geliebten Mary Vetsera („Affaire Mayerling“) am Wiener Hof in Ungnade fiel.

Kaiserin Elisabeth reiste 1888 in Begleitung ihrer Tochter Valerie, Erzherzogin von Österreich. Ihr zu Ehren erhielt das Haus der Gräfin auch den Namen Villa Valerie. Sissi und Valerie besichtigten damals in Rottach auch die Bernhardinerzucht der Gräfin Larsch im heutigen Rathausgarten.

Zur Erinnerung an den Besuch der Kaiserin Elisabeth in der Villa Valerie hat die Gemeinde Rottach-Egern eine Gedenktafel anfertigen lassen, die im Rahmen eines Festakts 1998 von Bürgermeister Konrad Niedermaier enthüllt wurde. Sie hat die Form eines Wappenschildes und trägt neben den Habsburger-, Wittelsbacher- und Gemeindewappen folgende Inschrift (Foto:)

Zur Erinnerung an den Besuch am 28.8.1888 Ihrer Majestät Kaiserin Elisabeth von Österreich, Königin von Ungarn, Herzogin von Bayern „Sisi“ * 24.12.1837 * 10.9.1898. - bei ihrer Tante [„Tante“ ist falsch: „Nichte" ist richtig] Marie Louise Gräfin Larisch-Wallersee in der Villa „Valerie“, seit 1927 Rathaus der Gemeinde Rottach-Egern“.

Das Metallschild stammte aus der Kunstschmiedewerkstätte Gloggner + Reichart, gemalt hatte es Hans Mayr, Pförn.

Anlass des gesamten Besuchs der Kaiserin im Tegernseer Tal war damals der 80. Geburtstag von Sissis Mutter, Herzogin Ludovika von Bayern, der in Schloß Tegernsee am 29. August 1888 mit grossem Aufwand begangen wurde.

Post aus Tegernsee

Im Sommer 1951 erhielt der Schweizer Bundespräsident unerwartet Post aus Tegernsee. Es war Herzog Ludwig Wilhelm in Bayern, der ihm eine versiegelte Kassette schickte, die er mit dem Nachlass seines 1909 verstorbenen Vaters Herzog Karl Theodor übernommen hatte. Sie trug eine handschriftliche Verfügung, diese (von 1890 an gerechnet) in 60 Jahren ungeöffnet an den „Herrn Präsidenten der Schweitzer Eidgenossenschaft“ weiterzuleiten.

In dieser Kassette lagen u.a. handschriftliche und gedruckte Gedichte, geschrieben von der 1898 ermordeten Kaiserin Elisabeth von Österreich, der geborene Herzogin in Bayern und Schwester Karl Theodors. Das von 1885 bis 1889 geführte poetische Tagebuch bot einen neuen Einblick in das Seelenleben der „Kaiserin wider Willen“ und demontierte das süßlich-kitschige Bild der Sissi-Filme.

Elisabeth weigerte sich behaarlich, die mit ihrer Stellung verbundenen Verpflichtungen zu akzeptieren. Die Monarchie lehnte sie generell ab. Als Anhängerin der republikanischen Staatsform, Pazifistin und Kritikerin des Militärs, war sie Adel und Klerus eher feindlich gesinnt. Die höfische Gesellschaft und die Neugier der Öffentlichkeit hasste sie,.

Geboren wurde Kaiserin Elisabeth Amalie Eugenie, Herzogin in Bayern – auch “Sisi” oder seit der Film-Trilogie von Ernst Marischka “Sissi” genannt, 1837 in München. Ihre Eltern, Max Joseph von Bayern und Prinzessin Ludovika Wilhelmine, die 1829 im Tegernseer Schloss geheiratet hatten, waren engst mit dem Tegernseer Tal verbunden. Elisabeths Mutter Ludovika hatte von ihrem Vater, Maximilian I. Joseph nicht nur das Kloster Tegernsee, sondern auch das Wildbad Kreuth geerbt. Dies war der Grund warum Kaiserin Elisabeth dem Tegernseer Tal öfters einen Besuch abstattete und sich hier aufhielt. Ihre Besuche und Gefühle verarbeitete sie in Gedichten.

Kreuther Stimmungslieder

Auch im August 1887 war die Kaiserin Elisabeth, von England aus den Rhein entlang ins Tegernseer Tal gereist, um hier ihren Mann Franz Joseph, ihre Tochter Marie Valerie und ihre wittelbachische Verwandtschaft zu besuchen. Während dieses Besuches entstand der Gedichtzyklus Kreuther Stimmungslieder, in dem sie über den Tegernsee und das Tegernseer Tal schrieb. Dass Elisabeth sich generell nicht scheute, in ihren Gedichten über ihre hochadelige Verwandtschaft zu spotten, macht gleich zu Beginn das Gedicht an die Gaffer deutlich, in dem sich ihr Widerwille gegen das Familientreffen spiegelt.

Im längsten der Gedichte Was mir der Tegernsee erzählt lässt die Kaiserin den See selber sprechen und über die seit der Klosterzeit eingetretenen Veränderungen klagen. Es schliesst mit scharfer Kritik an einzelnen Personen der Tegernseer Hofgesellschaft.

Als Beispiel und Kostprobe der dichterischen Künste der Kaiserin Elisabeth sei es hier ganz wiedergegeben:

Was mir der Tegernsee erzählt

Wie ich heut' im See geschwommen,

Hat der See mir vorgeklagt;

Alles, was ich da vernommen,

Treues Buch, dir sei's gesagt!

»Ja, ich bin herabgekommen,

Seit so manchen hundert Jahr';

Weiter waren meine Ufer,

Selbst noch heut' wird man's gewahr.

Trag ich auch dieselben Berge

Jetzt im Schoss wie dazumal;

Waren sie doch einst bewaldet,

Heute steh'n sie öd und kahl.

Statt der reichgezierten Villen,

Die hier mein Gestad' umsteh'n,

Waren kleine, fromme Hütten

Armer Fischer nur zu seh'n.

Besser waren auch die Fischer,

Ehrlich, arbeitsam und schlicht,

Als das Heer Aristokraten,

Das auf fauler Haut hier liegt.

In den reichen Equipagen

Zieh'n sie prunkhaft mir vorbei,

Damals nahten kluge Hirsche

Meinen Wassern ohne Scheu.

Doch was mir die grösste Kränkung,

– Und ich überwind' sie nicht –

Ist, wie dieses Schloss

Einst, vor altersgrauen Zeiten,

War's ein Kloster, stolz und hehr;

Zu den altersgrauen Mönchen

Ging die Weisheit selbst zur Lehr'.

Weisheit war in ihren Köpfen,

In den Bäuchen Klosterbier,

Weitberühmt war die Gelehrtheit

Und der Trunk des Klosters Zier.

Längst verschimmelt sind die Mönche,

Dünn und sauer ward das Bier;

Jene modern in den Grüften,

Dieses wird zu Wasser schier.

In den Marmorcorridoren

Wandeln andre jetzt umher;

Drückt die Dummheit wohl auch manchen,

Doch die Weisheit keinen schwer.

Hier kommt einer schnellen Schrittes,

Dürr und hager schaut er aus,

Über turmhoher Kravatte

Lugt ein kleines Köpfchen 'raus.

Mit der Uhrkett spielt er emsig,

Seine Linke dreht den Stock;

Himmelhoch die Vatermörder,

Altmodern gebaut sein Rock.

Und dies Wesen wie ein Zwitter,

Wie ein eingedörrter Lenz,

Voll Respekt wird's titulieret

In dem Schlosse »Excellenz!«

Ihm am Fusse folgt mit süssem

Lächeln und mit falschem Blick

Ein gemästet, wohlgenährtes,

Kupferrotes Vollmondstück.

Dass auch dieser Ignoramus

S'Henkelchen zum Namen hat,

Schafften ihm die hohen Gönner

Einen Titel; er ward Rat.

Doch den Dritten in dem Bunde

Mit dem Busen wie ein Weib,

Mit den üppig vollen Hüften,

Nennt ihn Hofrat nur bei Leib.

Steh'n des Nachts die Fenster offen,

Klagt mit süssem Liebesweh

Wohl seine Castratenstimme

Rührend über meinen See.

Doch er ist ein grosser Meister,

Der die Kranken nie kuriert;

Nur den alten Schlossjungfrauen

Hühneraugen operiert.

Hühneraugen sind ihm wichtig,

Scharlach übersieht er leicht;

Einen Mühlstein seiner Kehle,

Und mein See wär' noch zu seicht.«

Vom Rathaus begibt man sich jetzt über die Südliche Hauptstrasse in die Fürstenstrasse

7.Station: Haus Radolin, Fürstenstrasse 5

Wohn- und Schreibort von Franz von Kobell

Bei dem Anwesen in der Fürstenstrasse 5 mit zugehörigem Park, auch als Haus Radolin bekannt und heute Eigentum der Stadt Tegernsee und der Gemeinde Rottach, handelt es sich um einen geschichtsträchtigen Ort, der eng mit dem Dichter Franz von Kobell verbunden ist. (Foto: Haus Radolin) Es war nämlich sein Schwiegervater, der Staatsrat Egidius von Kobell (1772-1847), der 1822 hier an der Egerer Fürstenstrasse 5 einen Häuserkomplex errichten liess mit dem ersten sommerlichen Landhaus in Egern. 1839/1840 baute er dann einige hundert Meter entfernt, auf der gegenüberliegenden Strassenseite schräg gegenüber Richtung See, noch ein weiteres Anwesen in der heutigen Fürstenstrasse 8-10. (Station 8)

Tatsächlich hat Franz von Kobell, der Autor der G´schicht vom Brandner Kaspar, wenn er ins Tegernseer Tal zur Sommerfrische kam, auf diesen beiden Anwesen gewohnt. Bis 1854 in der Fürstenstrasse 5, ab 1839/40  in der Fürstenstrasse 8-10. So ist auch davon auszugehen, dass Kobell auf diesen beiden Anwesen den Großteil seiner Werke geschrieben hat.

Tatsächlich verbrachte Kobell seit der Eheschließung mit seiner Kusine Karoline im Jahr 1826 die Sommermonate mit ihr und den drei Töchtern immer am Tegernsee in Rottach-Egern, in den Häusern seines Schwiegervaters. Hier fand Franz von Kobell Zeit und Muße zu schreiben. Und so war es denn hier auch der Kontakt mit der Gebirgs- und Landbevölkerung, die ihn zur Mundartdichtung führte. Von den Jägern und den Sennerinnen hörte er ihre Lieder und ihre Schnaderhüpfeln. Dies erklärt auch, warum es die Mundart der Menschen um den Tegernsee und Schliersee ist, die in seinen oberbayerischen Gedichten und Geschichten vorherrschend ist.

Warum das Haus in der Fürstenstrasse 5 von den Kobells 1854 verkauft wurde, ist unbekannt. Überliefert ist allerdings die damalige Versteigerungsanzeige im königlich bayerischen Amtsblatt 1854 in Gmund. Diese ist nicht nur deswegen interessant, weil sie Auskunft darüber gibt, was alles zu dem Kobellschen Anwesen gehörte. Durch sie wissen wir, dass die Versteigerung am Donnerstag, den 28. September von 10 Uhr bis 13 Uhr im sogenannten „Herrenhaus“ des Kobellschen Anwesens stattfand. Weil diese alte Versteigerungsanzeige zudem einen einzigartigen Eindruck von den damals im Kontext von Versteigerungen benutzten Formulierungen vermittelt und insofern auch als ein wichtiges kulturelles Zeugnis zu erachten ist, wird sie hier in vollem Wortlaut wiedergegeben:

————————————————————————————————-

„Im Auftrage der k. Regierung von Oberbayern wird für die k. Unterrichtsstiftungs-Administration München die ehemals Staatsrat v. Kobell´sche Besitzung zu Egern, in einer der schönsten Lagen am Tegernsee, der Verkaufs-Versteigerung unterworfen. Die Bestandteile sind:

Das Herrenhaus, in einem schönen ländlichen Style gebaut, 2 Stockwerke hoch, mit bewohnbarem Dachraume, enthält 4 Salon, 20 Zimmer, 2 Küchen, 3 Kellerabtheilungen und 2 laufende Wasser. Der das Haus umgebende Grund zu 4 Tgw. 16 Dez. ist Ziergarten. Auch einiges Meublement ist vorhanden, Spiegel, Betten rc.

Das zweistöckige Wohn- und Ökonomiegebäude mit 14 Zimmern, Koch- und Waschküchen, 4 laufenden Wassern, gewölbten Stallungen, Remisen und übrigen Oekonomieräumen. Der anliegende Grund mit 3 Tgw. 79 Dez. enthält die Hofräume, einen Wiesplatz und einen Blumengarten; in geringer Entfernung ist der Gemüsegarten mit 54 Dez. Auch hier sind Haus- und Baumannsfahrnisse vorhanden.

Das Brunnenhaus mit Druckwerk sammt der anliegenden Wiese mit 1 Tgw. 80 Dez. für Wasserabgabe an zwei Besitzungen von Privaten werden Zinse gereicht.

25. Tgw. 29. Dez. vereinzelte Eggarten

Zwei Waldungen mit 8 Tagw. 16. Dez. und 45. Tgw. 98 Dez.

Zwei Alpenantheile auf der Wallberg-, und ein Antheil auf der Gaisalpe.

Der Verkauf geschieht nach der Verordnung für Staatsrealitäten-Verkäufe vom 19. April 1852 (Regierungsblatt S. 473-486). Nicht nur fürs Ganze, sondern auch für jedes Gebäude mit oder entferntere Gründe können Anbote gegeben werden.“

Überliefert ist auch, dass Kobells erstes Landhaus an eine Palastdame der Königinwitwe überging. In alten Aufzeichnungen ist von einer Gräfin Casimire die Rede, der Haus und Hof  in den 1860er-Jahren gehörten. Später kaufte das Anwesen in der Fürstenstrasse 5 dann das Adels-Geschlecht  Radolin. 2010 erbten die Gemeinde Rottach-Egern und die Stadt Tegernsee gemeinsam das sogenannte Radolin-Haus in der Rottacher Fürstenstraße 5, in dem bis zu ihrem Tod Elisabeth von Radolin lebte. Sie war es auch, die das Haus samt Park Rottach-Egern und Tegernsee zu gleichen Teilen vermachte. 

8.Station: Franz von Kobells Wohn- und Schreibort - Gästebücher aus der Fürstenstrasse, Fürstenstrasse Haus Nr. 8 -10

Wie erwähnt, erwarb Staatsrat Egidius von Kobell 1837 noch ein weiteres Grundstück vom sogenannten „Hofbauern“, unweit entfernt der Fürstenstrasse 5 auf der gegenüberliegenden  Strassenseite Richtung See gelegen. 1839/1840 errichtete er sich hier in der heutigen Fürstenstrasse 8-10 ein weiteres Anwesen mit einem Häuserkomplex. Die Nummer 8 war und ist noch heute das frühere Wohngebäude, die Nummer 10  das frühere Ökonomiegebäude.

Weil die Kobells das Haus in der Fürstenstrasse 5 bereits 1854 verkauft haben, ist davon auszugehen, dass Franz von Kobell die G´schicht vom Brandner Kaspar, die er im Jahr 1871 veröffentlichte, tatsächlich in dem Haus in der Fürstenstrasse 8 geschrieben hat. 

Seit 1898/99 bis heute befindet sich das frühere Kobellsche Anwesen im Besitz des Adels-Geschlechtes Fürst Henckel von Donnersmarck. Diese erwarb es allerdings nicht von den Kobells selbst, sondern von einer Versicherungsgesellschaft.

Erst war das Anwesen in der Fürstenstrasse 8-10 nur der Sommersitz, dann der Wohnsitz der schlesischen Adelsfamilie Fürst Donnersmarck. Über Jahrzehnte war es ein bedeutender gesellschaftlicher Treffpunkt des europäischen Adels und bekannten Künstlern und Gelehrten um den Fürst. Auch Theateraufführungen sollen im Park stattgefunden haben. In Haus Nr. 8 wohnt heute Dr. Guidotto Graf Henckel von Donnersmarck. In Haus Nr. 10, dem früheren Ökononomiegebäude, befinden sich heute verschiedene Wohnungen.

In der Familie Henkel von Donnersmarck sind ist eine Reihe von Gästebüchern  überliefert. Diese dokumentieren nicht nur, welch berühmte Leute hier auf diesem Anwesen alles ein und ausgegangen ist. Mit ihren Mengen an Einträgen, Unterschriften berühmter Persönlichkeiten,  den Zeichnungen, Gedichten und Illustrationen, die hier versammelt sind, spiegeln sie auch charakteristische Züge des damaligen Lebens im Tegernseer Tal wider. Der Historiker und frühere Professor Karl Alexander von Müller (1882-1962), der seit 1943 im Haus des Fürsten Guidotto Henkel von Donnersmarck auf dem Anwesen in der Fürstenstrasse 8-10 wohnte, hat die überlieferten Gästebücher ausgiebig studiert und über sie und das Geschlecht der Donnersmarck 1959 den Essay Die Fürstenstrasse geschrieben. Fürst Henckel von Donnersmarck, zählte vor und nach dem 1. Weltkrieg zu den reichsten Männern Deutschlands und war Besitzer großer Ländereien. Kohlengruben und Hüttenwerken in Oberschlesien. Jedes Jahr verbrachte er die Sommermonate mit seiner Dienerschaft in der Fürstenstrasse 8-10. Hier ein Ausschnitt aus Karl Alexander von Müllers Beschreibung der Gästebücher:

„Auf ihren Blättern begegnet man fast allen regierenden deutschen Fürstenhäusern, Hohenzollern und Wittelsbachern, Habsburgern, Wetteifern und Welfen, Mecklenburgern, Württembergern und Hessen, einem früheren Zaren von Bulgarien, einem einmaligen König von Albanien, einer Prinzessin Vera von Rußland. Auffälliger (und tegernseerischer) ist schon, wie selbstverständlich sie sich hier mit Einheimischen mischen. Wer nicht Bescheid weiß, sieht keinen Unterschied zwischen einer Benigna Reuß und einer Afra Schulz, die ihr auf dem Fuße folgt oder zwischen einem Wilhelm Wied und einem Hans Schmatzer aus Tegernsee.(…). Die Tegernseer vor allem werden wenige ihrer bekannten Namen vermissen. Neben den klaren Schriftzügen Ludwig Thomas (dessen letzter Brief an dies Haus gerichtet war) findet man die mächtige Klaue Leo Slezaks wie die zarten Unterschriften Heinrich und Alexander Spoerls. Die Töchter des Dichters Karl Stieler sind da und der Sohn Ganghofers, der volkstümliche Prälat Haidl und Graf Heinrich Luxburg, einer der feinsinnigsten Vermittler des Tales, der Direktor von Bad Wiessee und der Präsident der herzoglichen Güterverwaltung, der Geschichtsschreiber von Tegernsee P. Stadler, die Meisterphotographin Julie von Knows-Wedekind, wie der greise Cellist Wilhelm Lamping, Seltsam mengen sich darunter oft Freunde aus aller Herren Länder, Engländer und Amerikaner, Peruaner und Perser, Holländer und Schweden, auch unter ihnen eingestreut weithinklingende Namen- de Castellande, Hamilton, Orsini.

Und angeführt von Meister Olaf Gulbransson melden sich die Kunstmaler unsres Tales - wir nennen nur Thomas Baumgartner, P.M. Padua, Willi Schmid, Paul Mildner. Aber auch um sie scharen sich Nicht-Tegernseer.(…) Der Grundbaß sozusagen, alle die Jahre hindurch, bildet der deutsche Adel, von Ostpreußen und den baltischen Ländern bis nach Württemberg und Baden, von der friesischen Küste bis nach Österreich und Ungarn - er könnte allein ein Heft füllen.

Wie viele historische Namen, auf die man stößt, Metternich und Moltke, Lehmann, Hollweg und Radowitz, Thurn und Taxis und Montgelas, Götz von Berlingen und Schwerin. Die Diplomatenfamilien der bismarckianischen Zeit scheinen fast vollständig vertreten; keineswegs alle im Ruhestand. Der eine Gast vermerkt, daß er gerade aus San Franziska kommt, der andere fährt nach Rom, ein dritter ziehet aus, um auf einem Segelschiff das Kap Horn zu umfahren und, an den Mast gebunden, die höchsten Wellen zu photographieren, welche die Meere auf unserm Planeten im Sturm emportürmen  - ein Teil dieser Bilder hängt hier im Haus auf dem Treppenflur.“ (S.12f

9.Station: Oskar Panizza - Das Liebeskonzil, Seehotel Überfahrt

Wo heute das Luxus-Seehotel Überfahrt steht, stand früher das ebenso berühmte „Gasthaus zur  Überfahrt“. (historisches Foto 1907; Bauernstube). Damals verkehrten auch in ihm viele berühmte Menschen, Künstler, Gelehrte und Schriftsteller. Das Haus in der Ganghoferstr. 1, das seit 1897 im Besitz des Fotografen Emil Ganghofer war, und noch heute neben dem Luxus-Seehotel am Engerer Spitz steht, ist das Geburtshaus der bekannten und preisgekrönten Schriftstellerin Grete Weil (1906-1999).

Der frühere Gasthof zur Überfahrt hatte einen Theatersaal, der 1803 von dem damaligen Besitzer Josef Höß (1856-1919) erbaut wurde. Tatsächlich war er damals der größte Theatersaal im bayerischen Oberland und der Austragungsort vieler Festlichkeiten, Theateraufführungen, Konzerte und Tanzabende Zudem war er auch die Heimstätte der sogenannten Ludwig-Thoma Bühne. Aus dem Jahr 1908 ist ein Foto überliefert, welches das Ensemble des Bauerntheaters vom Gasthof zur Überfahrt zeigt: Der letzte Gastwirt des Gasthofes zur Überfahrt war Hans Höß (1898-1971): 1965 wurde der herkömmliche Betrieb in diesem Theatersaal bedauerlicherweise von den neuen Besitzern eingestellt.

Oskar Panizza: Das Liebeskonzil

1894 veröffentlichte der Münchner Psychiater und Schriftsteller Oskar Panizza (1853-1921) sein satirisches Theaterstück Das Liebeskonzil. Himmelstragödie in 5 Akten. Es löste einen Skandal aus. In einem aufsehenerregenden und folgenschweren Gerichts-Prozess in München wurde Panizza 1895 wegen Blasphemie verurteilt. Zuerst landete er ein Jahr im Zuchthaus, dann wurde er aus der Stadt ausgewiesen.

Panizzas Liebeskonzil mit dem doch auf den ersten Blick recht harmlos klingenden Titel, war nämlich tatsächlich ein massiver Angriff, eine Attacke, die sich gegen den wilhelminischen Obrigkeitsstaat und die katholische Kirche richtete und mit jeglichen sexuellen Tabus brach. Nicht nur, dass Panizza Papst Alexander VI. (1431-1503), – römisch-katholischer Papst von 1492 bis 1503 und eine der politisch einflussreichsten Persönlichkeiten Italiens der Renaissance – , als Antichrist präsentierte. Panizza führte in seinem Theaterstück auch vor, wie die Vertreter der katholischen Kirche sich in Sünden suhlten. Das Auftreten der Syphilis am Ende des 15. Jahrhunderts erklärte er als göttliches Auftragswerk und als Strafe des Teufels für die Verbrechen die die katholische Kirche begangen hatte.

Was heute kaum jemand weiss: Panizzas weltberühmtes Skandalstück Liebeskonzil, das aktuell auch international grosses Forschungsinteresse auf sich zieht, ist tatsächlich im Tegernseer Tal entstanden. Geschrieben hat Panizza es in Rottach-Egern, im früheren Gasthof zur Überfahrt, wo er, wie viele andere Schriftsteller und Künstler, in den Sommermonaten logierte, nicht nur die Sommerfrische genoss, sondern sich auch vom Tegernseer Tal, seiner Geschichte, Kunst und Kultur, inspirieren liess. Möglich, dass der permanente Ausblick, den er aus dem Hotel Überfahrt auf das gegenüberliegende frühere Benediktinerkloster Tegernsee hatte, ihn mit zu seinem gegen die katholische Kirche gerichteten Werk inspiriert hat.

Das Panizza das berüchtigte Liebeskonzil im Tegernseer Tal geschrieben hat, wissen wir durch den Schriftsteller Max Halbe (1865-1944). Er, der 1893 mit seinem in Berlin aufgeführten Theaterstück „Jugend“ über Nacht im Kaiserreich berühmt geworden war, und damals überlegte, ob er von Berlin nach München übersiedeln sollte, verbrachte im Frühjahr 1893 zunächst einige Wochen in Rottach in einem Fischerhaus am Tegernsee „an der Stelle, wo sich zwischen Rottach, Egern und der „Parapluie“ genannten Landspitze eine schmale Zunge in das südöstlich sich öffnende Bergtal erstreckt“, wie er in seinen Lebenserinnerungen schildert.

In ihnen erzählt er auch, dass er in Rottach nicht nur an seinen Roman Der Amerikafahrer“ schrieb, sondern sich auch mit Oskar Panizza traf, mit dem er schon länger in engerem Austausch stand:

„Dort weilte zur Zeit gerade Oskar Panizza, mit dem mich schon seit dem vorigen Jahr eine enge Beziehung verband, so fern sich unser beider Charakter auch standen - oder vielleicht gerade darum. Auch wollte ich meinen Knittelreim Schwank „Der Amerikafahrer“, an dem ich während der letzten Monate vor der Jugendpremiere gebastelt hatte, in dem damals noch sehr stillen und ländlichen Rottach endlich zum gedeihlichen Abschluss bringen. (…). Es war Ende Mai oder Anfang Juni.“

Max Halbe berichtet auch, dass Panizza bereits seit vielen Jahren während des Sommers stets im Gasthof zur Überfahrt wohnte:

„Oskar Panizza wohnte im Gasthaus zur Überfahrt in Egern. Das war schon seit einigen Jahren sein sommerliches Hauptquartier. Es war erst zehn Monate her, seit ich hier, im September 1892, zum letztenmal mit ihm zusammengesessen hatte, im Begriff, eine vierzehntägige Fußwanderung nach dem Gardasee anzutreten. Damals war meine „Jugend“ noch unaufgeführt, die Aussicht auf literarischen Ruhm und Erfolg noch in weiter Entfernung gewesen. Fast über Nacht hatte sich das geändert.“

Halbe beschreibt Panizzas Herkunft und Charakter und erzählt auch von seinem Haß gegen die katholische Kirche, die Panizza als den Antichristen ansah:

„Oskar Panizza stammte aus einer vermögenden Kissinger Hotelierfamilie…..Panizza war Mediziner, war Irrenarzt mit Lust und Liebe nicht nur im Nebenberuf (…). In diesem fränkischen Gastwirtssohn und Abkömmling eines alten aus Frankreich oder Italien vertriebenen hugenottischen Geschlechts rumorte etwas vom Tier der Apokalypse, vom Antichrist, den er auch im persönlichen Verkehr oft im Munde zu führen pflegte, aber bezeichnenderweise nicht mit sich selbst, sondern immer nur mit anderen, mit den Gegnern: vor allem mit den Päpsten und der katholischen Kirche.“

Des weiteren schildert Max Halbe aber auch noch, wie Panizza gerade während der Zeit als er sich im Frühsommer in Rottach 1893 aufhielt sein Liebeskonzil verfasste und wie er und Panizza im Angesicht der Klostertürme von Tegernsee damals über Panizzas Werk, seinen Haß gegen die katholische Kirche und ihre Päpste, heisse Diskussionen im Bräustüberl geführt haben:

„In den andern, den stärkeren, den Sieges und selbstgewissen Stunden besaß ihn sein Dämon ganz, hetzte ihn zu dem großen, dem unerhörten Werk, mit dem er alle anderen bezwingen wollte. Eben um diese Zeit und auf eben diesem Tegernseer Boden entstand sein „Liebeskonzil“, das ihm zwei Jahre später eine Gefängnisstrafe eintragen und der Anfang von seinem Ende werden sollte.… Wir haben über dieses Thema oft miteinander gestritten, damals im Bannkreis der Tegernseer Klostertürme, im Schatten des Braustüberls, und nachmals noch oft in München. Denn so wie Panizza auf seinem Standpunkt eines fanatischen Hugenottentums beharrte, ebenso vertrat ich ihm gegenüber einen mir durch Blut und Erziehung überkommenen, wenn auch im Glauben vielleicht nicht sehr taktfesten Katholizismus. Papstgeschichte war ja schon seit langem mein Sondergebiet (…). Ich hatte aus diesem Gefühl heraus schon früh sogar ein Verständnis für solche vor dem Richterstuhl der Geschichte abgeurteilten Erscheinungen gehabt, wie Rodrigo Borgia – Papst Alexander  VI - es war. Und hier stieß ich nun aufs heftigste mit Panizza zusammen. Denn eben diesen Alexander VI. hatte er sich als „Helden“ seines neuen dramatischen „Liebeskonzils“, erwählt, nicht etwa um einen dramatischen Helden im üblichen Sinne daraus zu machen,  sondern weil er in ihm die Verkörperung seiner schrecklichen Albdruckträume: weil er den leibhaftigen Antichrist in ihm erblickte. (…).

Schon in jenen Rottach Frühlingstagen des Jahres 1893 gewann ich den Eindruck, daß Panizza entschlossen war, für die Verwirklichung seiner ehrgeizigen dichterischen Träume jeden menschlichen Preis zu zahlen - sei es auch den der Märtyrerkrone. (…) Zwei Jahre später, an einem schwermütig düsteren Frühlingstage, sollte Panizza im Münchner Justizpalast die Antwort auf diese Frage erhalten, sollte die Probe auf sein Lebensexempel gemacht werden.“

10.Station: Carry Brachvogel: Sommerdirndln (1923), Hotel Bachmair

Das Hotel Bachmair am See, ein Vier-Sterne-Hotel in Rottach-Egern wurde von 1826 bis 2019 von der gleichnamigen Familie geführt. Heute gehört es zur Hirmer Unternehmensgruppe. Es war der Bäckermeister Johann Bachmair, der an diesem Ort 1826 eine Schankwirtschaft direkt am See eröffnete, die später auch als der „Barthalamä“. bekannt war. Noch 1872 gab es nur 2 Gasthöfe in Rottach-Egern, in denen sich das örtliche Gesellschaftsleben abspielte, den Barthalamä und den bereits erwähnten Gasthof zur Überfahrt. Beide besaßen auch Landwirtschaft und eine eigene Metzgerei, der Bartalamä zudem noch eine Bäckerei. 1967 übernahm Karin Bachmair das Anwesen von ihrem Vater und erweiterte es zu einem Hotel zu dem neun Häuser mit 520 Betten im Hotel an der Seestraße gehörten. Tatsächlich war das Hotel Bachmeier in den 1970er Jahren bei der Münchner Schickeria sehr berühmt. Auch Tina Turner, Frank Sinatra, Udo Jürgens, Udo Lindenberg und Thomas Gottschalk logierten hier. 2019 gab die Familie Bachmair bekannt, dass sie das Hotel durch ein langjähriges Erbbaurecht an die Hirmer-Gruppe vergeben hat. Diese plant die Führung des Hotels innerhalb ihrer Tochtergesellschaft Travel Charme Hotels & Resorts und einen Umbau im laufenden Betrieb zwischen 2020 und 2023 mit Erweiterung auf 150 Zimmer.

Gründungsort der „Wallberger“

Das Hotel Bachmair ist ein geschichtsträchtiger Ort. Am 24. März 1889 trafen sich nämlich hier beim früheren „Bartlmä“ 36 Männer und gründeten den Trachtenerhaltungsverein Die Wallberger - Verein zur Erhaltung der Volkstracht. Kaum ein Jahr später hatte der Verein bereits mehr als 150 Mitglieder. Die "Wallberger" stehen für ein wichtiges Stück Ortsgeschichte. Als einer der ersten Vereine dieser Art im bayerischen Oberland setzten sich die "Wallberger" das Ziel fast schon verlorengeglaubtes Volks- und Brauchtum wieder lebendig werden zu lassen. Die wiedergefundene Heimatliebe nach dem Krieg 1870/71 und das damit verbundene  Bekenntnis zu den eigenen Traditionen waren wohl mit ein entscheidender Faktor für das Entstehen der oberbayerischen Volkstrachtenbewegung.

Vereinsgründer war der 1860 geborene Carl Reinhard, dessen Eltern seit 1824 im Meßnergütl in Egern ein „Gemischtwarengeschäft" führten. Reinhard, der den größten Teil seiner Lehrzeit in Wien und Prag verbracht hatte, war als versierter Kaufmann nach Egern zurückgekommen. 1887 hatte er bereits mit Gleichgesinnten zuerst den Verkehrs- und Verschönerungsverein gegründet.

Die Vereinstreffen fanden reihum in den Gasthöfen Schwaighof, Tuften, Hahn (Pfatischer), Kalkofen, Enterrottach, Glasl, Weißach, Kreuth (Raineralm und Lehmann), im Sapplkeller von Abwinkl, im Hotel Steinmetz und am Pflieglhof in Tegernsee statt, sogar auf dem Wallberg- und Hirschberghaus. Die Winterzusammenkünfte verteilten sich auf die Rottacher und Egerner Gasthöfe "Scheurer" (Post), "Plendl" (Lindl), "Bartmä" und "Überfahrt", später auch noch die "Seerose" (Kefer). Im überlieferten Protokollbuch des Trachtenvereins findet man Auskunft über alle Aktivitäten und die Geschichte des Vereins.

Die Wittelsbacher und die Tracht

Dass im Tegernseer Tal heute auch im Alltag ganz selbstverständlich Tracht getragen wird und das gerade die (erneuerte) Tegernseer Tracht in ganz Bayern sehr beliebt ist, ist auch ein Verdienst der Wittelsbacher. Herzog Ludwig Wilhelm (1831-1920), der sich gerne in Lederhose und Lodenjoppe zeigte, trug maßgeblich dazu bei, die Tracht „salonfähig“ zu machen. Nach seinem Vorbild kombinieren die Männer seit der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts die ursprünglich Tiroler Jägerjoppe mit grünem Stehkragen und Quetschfalte am Rücken mit einer langen Hose zum Tegernseer Trachtenanzug. Diese Kombination wird noch heute bei allen festlichen Anlässen als regionaltypische Kleidung getragen. Das weibliche Gegenstück dazu ist ein Kostüm aus Tegernseer Joppe und gerade geschnittenem Rock.

Die Schriftstellerin Carry Brachvogel und das Tegernseer Dirndl

Über die Entstehung des Dirndls und das Tegernseer Dirndl gibt es eine schöne und humorvolle Erzählung der bekannten Münchner Schriftstellerin und Feuilletonistin Carry Brachvogel (1864-1942). (Foto) Diese trägt den schönen Titel Sommerdirndln und erschien 1923 in ihrem Buch Im Weiß-Blauen Land. In ihm lud sie den Leser ein, auf Entdeckungsreise in Bayern zu gehen. „Bayerische Bilder“, Menschen, Merkwürdigkeiten, Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten Bayerns waren es, die sie hier kaleidoskopartig am Leser vorbeiziehen liess. Einzelne der hier versammelten Erzählungen und Essays waren schon zuvor als Feuilletons erschienen. Das Buch wurde ein Bestseller. In zahlreichen Kritiken wurde Brachvogel bescheinigt, eine der wenigen wirklichen Kennerinnen Bayerns und seiner Bewohner zu sein.

Im Weiß-Blauen Land:  Sommerdirndln

In Sommerdirndln erzählt Carry Brachvogel die Geschichte des Dirndls, schildert wie es in Bayern am Tegernsee erfunden wurde und sich dann weiterentwickelte. Hier folgt ein Ausschnitt.

„An einem der bezaubernden Seen des Salzkammerguts war es, daß ich vor vielen Jahren zum ersten Mal ein Stadtfräulein im Dirndlgewand sah. Oder nein, nicht eines, sondern eine ganze Schar drängte sich um den Dampfschiffsteg, alle in lichtgeblümten, faltigen Röcken mit der seidenen Schürze, dem koketten, weißen Hemdchen oder dem bunten Brusttuch und auf dem sorgfältig frisierten Haar das grüne Hütchen. Sicherlich war nicht jede einzelne von ihnen besonders hübsch, aber als Massenbild wirkten sie so heiter und anmutig, daß mein reichsdeutsches Auge überrascht auf diese sommerliche Tracht blickte (…).

Dieser Stilrichtung, mehr aber noch dem Klima und den Bedürfnissen unserer Berge entsprechend, hatten wir, wir Bayerinnen, uns für unseren Landaufenthalt ein besonderes Kleid ausgedacht, das zwar nicht so farbenfreudig, nicht so kokett anzusehen war wie das österreichische Dirndl, in dem wir aber doch nicht nur uns selbst, sondern auch anderen gefielen, denn sonst hätten wir es vermutlich niemals angelegt. Es bestand in einem bis zum Knöchel reichenden grauen Lodenrock mit breitem, grünen Tuchsaum, dazu die kurze sogenannte Kochlerjoppe mit Hirschhornknöpfen und grünem Tuchbesatz an Hals, Ärmeln und den zahlreichen Taschen. Dazu trug man das grüne Hütel mit der Flaumfeder und feste, aber elegant gearbeitete Schnürstiefel, war also praktisch für Wind, Wetter und Berge gerüstet und sah doch ein wenig wie eine Bekennerin des allerfeudalsten Sports – der Jagd – aus. Wäre dies Kleid in Paris erfunden worden, so hätte es sicherlich »à la chasseresse« geheißen, aber es kam nicht an der Seine, sondern am Tegernsee zur Welt, in jenem Tegernsee, das eben erst Allerweltssommerfrische geworden war, sich aber doch gerne noch der Zeit erinnerte, da es nur mit der Achse erreichbar und ein zwar prunkloses aber exklusives Hoflager war. Der Tegernseer Schneidermeister, der diese Kleider zu einem Preise fertigte, der einem heute Tränen der Rührung entlockt, und die jagdliche Nüance, die er ihnen lieh, bedeuteten sicherlich eine kleine Verneigung vor dem hinschwindenden höfischen Glanz des lieblichen Ortes. Dies Kleid war einfach, wie man sichs nicht einfacher denken kann, aber die Jungen sahen doch bildhübsch darin aus, und die Ältlichen oder Alten – – Ja, wie sie darin ausgesehen hätten, kann ich nicht sagen, denn damals war es noch nicht üblich, daß die Großmutter sich mit der Enkelin gleich kleidet und obendrein noch einbildet, daß sie wie die Mutter, wenn nicht gar wie die ältere Schwester des Tochterkindes aussehe. Dagegen möchte ich hier einmal feststellen, daß dieses unser Sommerkleid die primitivste Urform des Jackenkleides war, das später verbessert, verschönt, verprächtigt, mit der persönlichen Note seiner Trägerin geadelt, einen Siegeszug durch die ganze Welt der Mode antrat und all ihren Wandlungen Trotz bot, sodaß heute wie vor zwanzig Jahren (und vermutlich noch in zwanzig Jahren keine gut angezogene Frau zu denken ist, in deren Garderobeschrank nicht ein Jackenkleid hängt.

Ehe es aber so weit war, hatte unser bescheidenes Sommerkleid etliche greuliche Verpuppungen durchzumachen. Es geriet nämlich etlichen praktischen, ach! so entsetzlich praktischen Provinzlerinnen in die Hände, die entdeckten, daß sein Gewebe schier unzerreißbar und seine Farbe eine Tarnkappe für den Schmutz war. Von diesem schwung- und seifenlosen Gesichtspunkt aus trennten sie ihm den hübschen, grünen Tuchbesatz ab, schnitten aus seinem feschen Jankerl eine behäbige Jacke, rafften seinen Rock mit einem Kleiderschürzer, daß biedere Kalblederstiefel Nr. 43 weithin sichtbar wurden und krönten ihr Meisterwerk durch Zufügung einer Bluse, deren Schmierigkeit leider kein Tarnhelm barg. So stapfte nun unser liebes Tegernseer Sommerkleid als sommerliches Lodenweib über die bayrische Hochebene hin, verschandelte durch seine Erscheinung die schönste Gegend, gab aber dem »Simplizissimus« reichlich Stoff zu lustigen Spottbildern, die freilich nicht hindern konnten, daß die Lodenweiber immer häufiger und ihre Blusen immer peinlicher wurden.“

Wie kam die Münchner Schriftstellerin Carry Brachvogel dazu über das Tegernseer Dirndl zu schreiben?

Tod im Tegernsee

Wie viele Münchner hat sich Carry Brachvogel schon als junge verheiratete Frau häufig zur Sommerfrische in Tegernsee aufgehalten und verkehrte auch im Hotel Bachmair. Das hing auch damit zusammen, dass ihr Mann, der Münchner Schriftsteller und Redakteur der Münchner Neuesten Nachrichten Wolfgang Brachvogel, den sie 1888 geheiratet hatte, auch Mitglied im Trachtenverein der Wallberger war und sie seit seinem Beitritt zum Trachtenverein mit seiner Liebe, seinem Interesse und seinem Wissen über das Trachtenwesen ansteckte. Doch dem nicht genug. Tatsächlich ist das Leben der später deutschlandweit bekannten Schriftstellerin Carry Brachvogel schicksalhaft mit dem Tegernsee und den Wallbergern verknüpft. Denn 1892, unmittelbar bevor er an einem Vereinstreffen der Wallberger, teilnehmen wollte, ertrank ihr Mann Wolfgang Brachvogel im Tegernsee:

Es war der Abend des 6. Juli 1992 als Carry Brachvogel in München mit ihren zwei Kindern auf die Rückkehr von Wolfgang Brachvogel aus Tegernsee wartete, wohin er am frühen Morgen aufgebrochen war, um am Vereinstreffen der Wallberger im Hotel Steinmetz in Tegernsee teilzunehmen. (Foto Hotel Steinmetz) Es war ein Freund, Alfred Schaeuffelen,  - der Schwiegersohn des bekannten Verlegers Friedrich Bruckmann und Galant von Hedwig Pringsheim - der ihr spät Abends schrecklichste Nachrichten und ein Telegramm aus Tegernsee überbrachte. Hier stand zu lesen, dass Wolfgang Brachvogel im Tegernsee ertrunken war. Was genau passiert war, konnte man am nächsten Tag im Tegernseer Seegeist (Foto Seegeist) lesen:

»Mit dem gestrigen Frühzuge traf Schriftsteller Herr Brachvogel (…) hier an, nahm im Hotel Steinmetz ein Frühstück ein, suchte sodann auf dem Anstieg zur Neureuth Blumen, welche er zu einem Bouquet vereinigte, übergab dasselbe sonach im Hotel Steinmetz zur Aufbewahrung, entfernte sich wieder unter Angabe ein kaltes Bad zu nehmen, da er sich nicht ganz wohlfühle. In der Schwimmanstalt des Herrn Ketterer nun scheint es, daß er vom kleinen Sprungbrett in den See sprang ohne sich vorher abgekühlt zu haben und verschwand sofort ohne einen Hilferuf. Ein Schlagfluß scheint das Leben, des im schönsten Alter von 42 Jahren stehenden Schriftstellers ein Ende gemacht zu haben. Die Leiche wurde gegen Abend von Herrn Oberfischer Höplinger aufgefunden. Der Verunglückte hinterläßt eine trauernde Wittwe und zwei Kinder.«

Drei Tage später, am 9. Juli, erschien in den Münchner Neuesten Nachrichten folgende schnörkellose Annonce:

»Statt jeder besonderen Anzeige. Allen Freunden und Bekannten teile ich mit, dass unser Vater, Gatte und Schwiegersohn, Herr Wolfgang Brachvogel, Schriftsteller am 6.Juli in Tegernsee einem Lungenschlag erlegen ist. Die Witwe Carry Brachvogel geb. Hellmann im Namen aller Hinterbliebenen. Die Leiche wird nach Gotha überführt.“

Noch heute findet man in der Chronik der Wallberger der Eintrag, in der Generalversammlung der Wallberger am 11. Mai 1893 den Toten des Jahres 1892 gedacht wurde, unter ihnen auch Wolfgang Brachvogel:

„General-Versammlung den 11. Mai 1893

Die auf obigen Tag ds. Jahres anberaumte Generalversammlung war sehr zahlreich besucht. Herr Vorstand Reinhard eröffnete dieselbe mit einer Ansprache an die versammelten Mitglieder, in welcher er seine Freude und seinen Dank für das zahlreiche Erscheinen, das Zusammenhalten im verflossenen Vereinsjahres, welches ein sehr ereignisreiches war, und munterte auf auch in Zukunft treu zur Fahne zu stehen. Hierauf wurde der werten Toten gedacht welche das Jahr 1892 gefordert. dieselben sind nachstehend: Herr Sachsenhauser sen., k. Rechtsrat; Herr Carl Wegmayer; Herr Wolfgang Brachvogel, Schriftsteller. Die Versammelten erhoben sich zur Ehrung der Verstorbenen von ihren Sitzen. Sie ruhen sanft.“ https://www.wallberger.de/chronik-1889-1899.html

Wie diese Zeugnisse zeigen, ist Carry Brachvogels Leben tatsächlich schicksalhaft mit dem Tegernsee und den Wallbergern verknüpft. Und dies in mehrerlei Hinsicht. Nicht nur, dass Wolfgang Brachvogels Tod im Tegernsee 1892, ihr Leben von einem Moment auf den anderen komplett umwarf und sie plötzlich mit 28 Jahren mit zwei kleinen Kindern allein dastand. Tatsächlich führte sein Tod im Tegernsee auch dazu, dass sie wenig später beschloss endlich ihren Jugendtraum wahrzumachen. Ein Entschluss mit weiter Tragweite: Bereits 2 Jahre später startete die kometenhafte Karriere der Schriftstellerin Carry Brachvogel, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu einer der bekanntesten Autorinnen und Feuilletonistinnen in Deutschland wurde.

Wer war Carry Brachvogel?

Caroline Hellmann, die am 16. Juni 1864 in eine Familie des Münchner jüdischen Großbürgertums hineingeboren, war die Tochter des wohlhabenden Kaufmanns Heinrich Hellmann und seiner Frau Zerline Karl. Von frühester Kindheit an begeisterte sie sich für Literatur und Theater. Schon vor dem Schicksalsjahr 1892 hatte sie kleinere Erzählungen und Feuilletons geschrieben und veröffentlicht und  bereits  als 19jährige den Entwurf für einen Roman verfasst, in dem sie die gesetzliche Gleichheit in der Ehe propagierte. 1888 hatte sie den Münchner Redakteur Wolfgang Brachvogel geheiratet. 1889 und 1890 waren zwei Kinder zur Welt gekommen.

Als Wolfgang Brachvogel 1892 ertrank, hinterließ er ihr um die 10 000 Reichsmark (entspricht heute ca. 66 000 Euro). Unterstützt von ihrer Mutter, die sich um die beiden Kinder kümmern wollte, beschloss sie nach Überwindung des Schocks jetzt ihren Jugendtraum zu verwirklichen: als Schriftstellerin zu arbeiten und langfristig damit den Familienunterhalt zu sichern. Tatsächlich widersprach ihre Entscheidung damals den bürgerlichen Rollenvorstellungen einer Frau. Üblich gewesen wäre, sich nach dem Ablauf der Trauerzeit wieder auf die Suche nach einem neuen Ehepartner, nach einem Versorger für sich und die Kinder zu begeben. Carry Brachvogel traf damals ganz bewusst eine andere Entscheidung und machte sich an die Arbeit. Es klingt wie aus einem Märchen. Tatsächlich wurde bereits 1894 an der Frankfurter Bühne Carry Brachvogels Theaterstück Vergangenheit uraufgeführt. Mit ihrem Roman Alltagsmenschen, den sie 1895 im renommierten S. Fischer Verlag in Berlin veröffentlichen konnte, gelang ihr bereits der deutschlandweite literarische Durchbruch als  moderne Autorin.

Tatsächlich war die Münchnerin Carry Brachvogel (1864-1942) eine Berühmtheit ihrer Zeit. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts avancierte sie zu einer in ganz Deutschland bekannten Schriftstellerin und Feuilletonistin. Jahrzehntelang führte sie einen literarischen nahezu legendären Salon in Schwabing, den sie 2 Jahre nach dem Tod ihres Mannes zuerst am Münchner Siegestor eröffnete. 1913 gründete sie den ersten Schriftstellerinnen-Verein nicht nur Bayerns, sondern auch Deutschland, der sich für gleiche Bezahlung wie die Männer einsetzte und seinen Mitgliedern verbot, unbezahlt oder unter Wert zu arbeiten. Zahlreiche bedeutende Schriftstellerinnen traten ihm bei: Ricarda Huch, Annette Kolb, Helene Böhlau, Isolde Kurz und viele andere. Noch 1924, zu ihrem 60ten Geburtstag, wurde die erfolgreiche Schriftstellerin deutschlandweit in den Zeitungen gefeiert. Wenige Jahre später zählte nur noch, dass sie jüdischer Herkunft war. 1933 erhielt sie Berufs- und Publikationsverbot, und auch der von ihr gegründete Münchner Schriftstellerinnen-Verein entzog ihr den Vorsitz. 1942 wurde sie zusammen mit ihrem Bruder, dem Historiker Prof. Dr. Siegmund Hellmann, nach Theresienstadt deportiert, wo beide wenige Monate später ermordet wurden.

Carry Brachvogel war eine äußerst produktive, sehr vielseitige Autorin und hat zu Lebzeiten um die 40 Werke veröffentlicht, Romane, historische Frauenbiographien, Novellen, Erzählungen, Legenden, zwei Theaterstücke, einen Kriminalroman, zahlreiche Feuilletons und Essays. Sie war berühmt für ihren eleganten und geschliffenen Schreibstil, für ihren psychologischen Scharfblick und eine ganz außergewöhnliche Charakterisierungskunst, aber auch für ihren bissigen Humor, ihre Ironie und ihre zuweilen boshafte Schlagfertigkeit.