TELITO_St. Quirinus, © Sabine Ziegler-Musiol

St. Quirinus

Ein literarischer Spaziergang von Dr. Peter Czoik

Um den hl. Quirinus von Tegernsee (gest. um 269 in Rom) ranken sich zahlreiche Wunder, in Bad Wiessee finden sich Spuren des nach ihm benannten „Quirinusöls“. Auf dieser leichten, familienfreundlichen LiteraTour lernen Sie den Märtyrer und Kirchenpatron an 5 Stationen kennen: von der Brunnenanlage „Boot des Mönchs“, über den Trunk aus der Hirnschale des St. Quirin bis hin zu den Legenden vom reumütigen Ochsendieb und wortbrüchigen Ritter.

Der Spaziergang führt vom Lindenplatz (1.) in die Adrian-Stoop-Straße bis zur ehemaligen Kurapotheke (2.), weiter entlang zum Brunnenhaus Ludwigsquelle (3.) über die Wilhelminastraße und Münchner Straße. Dort biegt man rechts ab bis zum Rohbognerweg, wo man oberhalb den Rohbognerhof, jetzt Clubhaus, erreicht und an der Rohbogenkapelle (4.) bei einem Tümpel endet (5.).

Dauer:                       34 Min.

Länge:                       2,5 km

Höhenunterschied:   ↑69 m ↓5 m

Einkehrmöglichkeiten:

Hotel-Gasthof zur Post, Bäckerei Alois Hauser (Station 1); Café und Konditorei Held Bad Wiessee (Station 2/3); Tegernseer Golf Club Bad Wiessee e.V. (Station 4/5).

1.Station: Lindenplatz – Brunnenanlage „Boot des Mönchs“

Die Brunnenanlage „Boot des Mönchs“ wurde von Karl Jakob Schwalbach (*1937) im Jahr 2000 an der Ostseite des Lindenplatzes errichtet. Sie zeigt einen steinernen Kahn sowie eine Brunnensäule aus Bronze. Weitere mit Eingravierungen versehene Details erinnern daran, wie 1430 (1441) ein Mönch in seinem Boot im gegenüberliegenden Ort St. Quirin einen schlierigen Streifen auf dem Spiegel des Tegernsees entdeckte – eine Legende, wie sie auch oben an der Quirinusölkapelle bei Rohbogen dargestellt ist (vgl. Station 4). Das Brunnenwerk nimmt aber nicht nur darauf Bezug, sondern auch auf die Entdeckung von Deutschlands stärkster Jodschwefelquelle im Jahre 1909, was zur Grundlage für die Entwicklung Wiessees zum Heilbad wurde.

Quirinus-Legenden: Die Übertragung des Heiligen nach Tegernsee

Der hl. Quirinus von Tegernsee war ein Märtyrer, der in Rom unter Kaiser Claudius II. Gothicus (268-270) das Martyrium für seinen Glauben erlitt und durch seine Reliquien und die damit verbundenen Wunder Tegernsee zu einem bedeutenden Wallfahrtsort machte. Er ist der Patron gegen die Pest, Augen- und Ohrenleiden, sein Festtag der 25. März, der 16. Juni sein Jahrestag der Übertragung nach Tegernsee. Die Quirinusverehrung blühte nicht nur um ihr Zentrum am Tegernsee, sondern auch in den alpinen Besitzungen bis nach Südtirol und in die Wachau. Um 1160 verfasste Metellus von Tegernsee das hagiografische Werk „Ode Quirinalium [...]“, Heinrich von Tegernsee schrieb um 1170 eine neue Leidensgeschichte des Klosterheiligen und die folgende „Fundatio monasterio Tegernseensis“ baut die Legende noch weiter aus. Eine gedruckte Monographie, die alle schriftlichen Quellen zur Vita, Passio und Translatio samt der Mirakelberichte vereint und europaweit alle Verehrungsstätten Quirinus’ auflistet, trägt den Titel „Die Historie von Sct. Quirini, aus Handschriften und Büchern erhoben, nacherzählt und mit Bildern versehen von AR [Amalie von Reichlin]“ (2. Aufl. 1890) und ist in der Bayerischen Staatsbibliothek einsehbar.

Neben der Legende vom Quirinusöl (sog. Ölwunder) existieren um die Übertragung des hl. Quirinus nach Tegernsee drei Wundererzählungen:

Nachdem die beiden Tegernseer Klostergründer Adalbert (743-803) und Otkar (751-787) nach Rom gereist waren, um die Heiligenstätten zu besuchen und von dort einige Reliquien mitzubringen, wurden sie vom Papst zum Dank für ihre Hilfe gegen seine Feinde mit den Gebeinen des hl. Quirinus entlohnt. Als man diese in einer geheimen Aktion nach Tegernsee überführen wollte, machte Uto, ein Neffe von Adalbert und Otkar, kurz vor Tegernsee Halt. Dabei wurde der Sarg mit den Reliquien abgeladen. Beim Anheben sah man mit Erstaunen, dass unter dem Sarg helles Brunnenwasser hervorquoll, wodurch sowohl Menschen als auch Tiere von ihren Gebrechen geheilt werden konnten (sog. Quellenwunder). Über dieser Stelle wurde später zum Gedenken eine Holzkapelle errichtet, die heutige Wallfahrtskirche St. Quirin am Ostufer des Tegernsees. Wegen seiner vermeintlichen Abstammung vom angeblich ersten christlichen Kaiser Philippus Arabs (244-249) ist Quirinus dort in römischer Rüstung als Kaisersohn mit Krone, Szepter und Reichsapfel dargestellt.

Einer zweiten Legende nach sollen helle Flammen aus dem Sarg des Heiligen hervorgeschossen sein und Fuhrknechte daran gehindert haben, dessen Gebeine zu stehlen und zu veräußern (sog. Feuerwunder).

Der dritten Legende zufolge soll Quirinus’ Leichnam geblutet haben, als er feierlich beigesetzt werden sollte, und zwar so, als ob der Heilige an diesem Tag erst entleibt worden wäre. Ein Glasgefäß mit der Blutreliquie gehört heute zum Tegernseer Klosterschatz (sog. Blutwunder).

(vgl. Götz, S. 37, u. Heim, TT 119, S. 18f.)

2.Station: Adrian-Stoop-Straße 23 – ehem. Kurapotheke

Im Kurviertel Bad Wiessees am Hans-Völkner-Platz ragt ein imposantes Haus mit Wandmalereien an den Erkern hervor. Es ist die frühere Kurapotheke, jetzt Praxis für moderne Zahnmedizin. „Der freistehende, dreigeschossige Bau mit weit überstehendem Flachsatteldach, zwei polygonalen Eckerkern, einem an der Südostecke in den Baukörper eingezogenen Eingang sowie ausgedehnten Balusterlauben an der Giebel- und den Traufseiten wurde von Hermann Lang, Erbauer des Rathauses, 1935 für Egid und Maria Pauli vom Steinbrecheranwesen in Altwiessee erbaut. Die Brüstungsflächen der Fenstererker hat ein Münchner Maler, Florian Bosch, mit jeweils sechs Tierkreiszeichen, die schmalen Felder mit Gestirnen eindrucksvoll bemalt. An der Nordseite ist darüber hinaus der hl. Quirinus dargestellt. Rings um die ehemalige Kurapotheke liegen Hotels wie Bellevue, Kureck, Ascania, die äußerlich oft noch das Gepräge der Zeit um 1930 zeigen.“ (Kratzsch, S. 107)

Quirinus-Legende: „St. Quirin hilft in Feuersnot“

Nach einer Aufzeichnung von 1492 brach in einem Dorf eine verheerende Feuersbrunst aus. Eine arme Witwe, die in dem Dorf allein mit ihrer Tochter lebte und deren wenige Habseligkeiten von dem Feuer nun bedroht waren, wurde ganz wahnsinnig. Allein ihre Tochter besann sich und wusste in der Not Rat:

„O Mutter mein!

Ruf an Sankt Quirein,

So bleibst du von dem Feuer unversehrt,

Samt allem, was dir zugehört!

Die Mutter tat wie ihr geheißen und rief in die Luft:

O heiliger Sankt Quirein,

Woll' mich mit Deiner Güten

Vor diesem Feuer behüten!“

Darauf kam ein starker Wind, der das Feuer vor dem Haus der Witwe zerstreute. Das übrige Dorf konnte er allerdings nicht verschonen: Es brannte bis auf das Haus der Witwe vollständig ab. (vgl. Mohr, S. 29f.)

3.Station: Adrian-Stoop-Straße 37 – Brunnenhaus „Ludwigsquelle“

Ein Ereignis aus dem Jahr 1909 datiert den Ruf Bad Wiessees als Heil- und Kurbad: Am 27. Mai wurde im Bohrloch III bei einer Tiefenbohrung von über 700 m eine stark übelriechende Quelle entdeckt.

An der Stelle, wo das Quirinusöl aus der Erde kam, hoffte man zu jener Zeit auf Erdöl zu stoßen. Statt des Erdöls erschloss man allerdings eine Jodschwefelquelle. Dort, wo der Bohrturm gestanden hatte, setzte man einen kleinen Quellentempel mit Brunnenbecken, Eisengitter und Schirmdach. Später wurde der Quellentempel durch einen Holzbau ersetzt, auf den wiederum ein Brunnenhaus mit Pumpanlagen, die zum Teil noch heute erhalten sind, folgte.

1914 wurde die Jodschwefelquelle an der Adrian-Stoop-Straße 37 mit Genehmigung des bayerischen Königs „König-Ludwig-III.-Quelle“ benannt. Die Unternehmergesellschaft „Erste Bayerische Petroleumgesellschaft“ ihres Entdeckers, des holländischen Bergbauingenieurs Adrian Stoop (1865-1935), führte ab demselben Jahr den Namen „Jod- und Schwefelbad Wiessee GmbH“.

Die „Ludwigsquelle“ wurde wegen unregelmäßigen Wasserdrucks 1979 geschlossen. Das Heilwasser der in der Nähe befindlichen „Königin-Wilhelmina-Quelle“ und der „Adrianusquelle“ fließt dagegen bis heute.

Der achteckige weiße Putzbau mit Holzschindeldach und Zwiebelhaube steht frei im Kurgarten, im Hintergrund zeichnet sich die denkmalgeschützte Trink- und Wandelhalle ab. An deren Seite ist seit 2017 ein Hoteltrakt nach Plänen des Mailänder Architekten Matteo Thun (*1952) geplant.

Quirinus-Legende: „Der Trunk aus der Hirnschale des St. Quirin“

Im Quirinuskult nehmen Wasser und Brunnen eine bedeutsame Stelle ein. Der Historiker und Universalgelehrte Johann Nepomuk Sepp (1816-1909) schrieb um 1898: „In Tegernsee war der Trunk aus dem Schädel des Quirinus üblich [...].“ Die in früheren Zeiten häufige Gepflogenheit, Wallfahrern den Wein der Hl. Messe aus der zu einem Kelch verarbeiteten Hirnschale eines Heiligen zu reichen, fand auch an anderen Orten, etwa in Wolfratshausen, Gebrauch, wo zu diesem Zweck die Hirnschale des frommen Pilgers Nantovinus (gest. um 1286) diente. (vgl. Schinzel-Penth, S. 206)

In diesem Zusammenhang ist interessant, was der wohl wirkmächtigste Dichter seiner Generation, der Lyriker und Essayist Thomas Kling (1957-2005), im ersten Teil seiner Neusser „Hombroich“-Elegie geschrieben hat:

„so geht das weiter, in knisternder

hitze, in der sich der kopf –

spucke daran und abriebspuren –

als nützlich erweist, bei weiteren

einblendungen:

eines heiligen

hirnschale

umgearbeitet als kelch, daraus

die wallfahrer ihren trunk tun:

in tegernsee war der trunk aus

dem schädel des quirinus üblich.

na bitte!“

(Kling, S. 94)

Der hl. Quirinus von Neuss, ein römischer Märtyrer, der unter Kaiser Hadrian um 115 enthauptet wurde, ist der Schutzpatron der rheinischen Stadt Neuss. Thomas Kling serviert seinen Lesern die Tatsache, dass dieser – mit Verweis auf den Trunk aus dem Schädel des Quirinus – seine Spuren im bayerischen Tegernsee gefunden hat, in Form eines neckischen Rippenstoßes: „na bitte“, da habt ihr ihn, will er damit sagen!

4.Station: Rohbognerweg, bei Loch 10 des Golfplatzes – Quirinusölkapelle

Die Entdeckung der Heilquellen und die Entwicklung Bad Wiessees als Heilbad geht ursprünglich auf die Quirinusölkapelle am Rohbognerweg zurück. Hier nahm alles seinen Anfang.

Auf der Rückseite der Kapelle steht geschrieben: „Anno 1441 sah ein Konventuale des Benediktiner Klosters nachdem er die hl. Messe in der Sankt Quiriner Kapelle beendet hatte einen goldenen Streifen a. westl. Ufer des See her gegen St. Quirin ziehen Er fuhr mit dem Mesner hinüber und entdeckte das Erdöl“. Abt Kaspar Ayndorffer (1426-1461) ließ die ölhaltige Quelle fassen und ein Brunnhaus darüber bauen. Das Heilöl wurde dem Klosterpatron St. Quirinus geweiht und ihm zu Ehren eine Kapelle, zunächst unterhalb an der Landstraße, errichtet. Die Mönche gaben das Quirinusöl in Fläschchen mit Beipackzettel („Quirini-Zettel“) zu Ursprung, Wirkung und Gebrauch des Öls an die Bevölkerung ab.

Der Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian (1593-1650) verzeichnet in seiner Landkarte von 1644 am Westufer des Tegernsees ein Brunnhaus, aus dem ein „Ölflus“ durch das Rohbognergelände rinnt; am Fuße des Rohbognerwegs steht eine Kapelle, von der aus man hinunter in den „Ölwinckl“ (Finnerbucht) blicken kann. Eine kleine Skizze mit Außenansicht des Brunnhauses und Blick auf den Stollen mit Quellfassung ergänzt die „Abriß-Beschreibung des gnadenreichen heilsam weitberühmten Ölfluß“. (vgl. Halmbacher, Bd. 2, S. 555f., Götz, TT 149, S. 18, u. Heid, TT 119, S. 48)

Im Zuge der Säkularisation entschloss man sich 1818 behördlicherseits, die inzwischen heruntergekommene Quellfassung und die darüber stehende Hütte zu renovieren, nachdem sich die Ölquelle nicht verpachten ließ. Auch eine neue Kapelle sollte über der Quelle „zur Zierde der Umgegend von Tegernsee“ errichtet und ein Spazierweg vom See zur Quelle angelegt werden. Der Entwurf von Hofbauintendant Leo von Klenze (1784-1864) sah zunächst eine ca. acht Meter hohe Quellüberbauung im antiken Tempel-Stil vor, doch wurde dieser Plan bald fallengelassen. Stattdessen entstand 1828 durch heimische Handwerker ein kostengünstiges Bauwerk, das sich weniger durch seine Gestaltung als durch seine Größe von den üblichen Kapellen der Gegend abhob. (vgl. Götz, TT 149, S. 17ff.)

„Den Hauptunterschied machte das Innere aus: Hier öffnete sich im Boden die quadratische Quellfassung, umgeben von einem gusseisernen Gitter. An die Rückwand kam kein Altar, auch nicht [...] ein Bildnis des heiligen Quirinus, sondern eine schlichte Inschriftplatte in neugotischer Rahmung [...]: ‚Diese nach dem heiligen Quirinus benannte Steinoel Quelle, welche in einer Ablagerung von Tor und Thonmergel entspringt, wurde entdeckt MCDXXX [1430], neu gefasset und die Kapelle erneuert MDCCCXXVIII [1828].‘“ (Götz, TT 149, S. 20)

Quirinus-Legenden: „Der reumütige Ochsendieb“ und „Der wortbrüchige Ritter“

Nach einer Aufzeichnung von 1492 hatte ein junger Mann seinem Taufpaten einen Ochsen gestohlen und war mit ihm, ohne dass seine Missetat aufflog, zu einer Wallfahrt nach Tegernsee gekommen. Als die beiden in der Kirche beten wollten, schnitt der Junge seinem Paten den Geldbeutel, der am Lederriemen hing, heimlich ab. Die darin befindlichen 30 Silberpfennige behielt er. Im Glauben, niemand würde ihn und seine zweite Missetat bemerken, hielt er sich noch in der Kirche auf, um besonders fromm zu beten. St. Quirin aber war sein Zeuge und behielt den jungen Ochsendieb und Beutelschneider in der Kirche. Er lief hin und her, voller Verzweiflung, einen Ausgang zu finden, bis ihn Reue überkam und er seine beiden Verbrechen wiedergutzumachen versprach. Daraufhin wurde ihm geöffnet, und sein Taufpate, der zur Kirche zurückkam, bekam den Geldbeutel zurück. Unter den Ochsen durfte sich dieser den schönsten aussuchen. Erst jetzt konnte der Junge die Kirche vollständig verlassen.

Eine andere Legende um St. Quirin handelt dagegen von einem wortbrüchigen Ritter. Vor langer Zeit geriet ein Ritter (die einen sagen, er sei ein Babenberger gewesen, die anderen, er stamme aus dem Tegernseer Tal) in feindliche Gefangenschaft. Als man ihn in ein dunkles Verließ sperrte, wandte er sich in seiner Not eines Tages an St. Quirin, mit der Bitte ihn zu retten. Als Unterpfand gelobte er, ihm sein Lieblingspferd zu schenken, wenn er aus dem Verließ wieder herauskäme. Der Ritter kam schließlich frei und in seine Heimat zurück. Sein Lieblingspferd brachte er nach St. Quirin und band es dort an der Kirchentüre fest. Der traurige Blick des Tieres erweichte ihn jedoch, es zu behalten. Er beschloss, einen Geldbetrag auf den Kirchenaltar zu legen, als Entsprechung für den Wert des Tieres. Die Höhe des Betrags nahm er dabei nicht so genau, und er legte weniger hin als das Pferd wert war. Kaum wollte er wieder losreiten, kam er nicht mehr vom Fleck. St. Quirin bestand auch hier auf der Höhe der vollen Gegenleistung: Erst als der Ritter den letzten Schilling auf den Altar gelegt hatte, wurde der Bann gebrochen, und Ritter und Pferd konnten die Kirche zusammen verlassen.

(vgl. Schinzel-Penth, S. 207ff.)

5.Station: Rohbognerweg, bei Loch 10 des Golfplatzes – Quelle nahe der Ölkapelle

Heute ist der Fluss des Quirinusöls versiegt – die Quellfassung im Boden der Quirinusölkapelle ist verschwunden. Tatsächlich gibt es vor Ort noch eine natürliche, ölhaltiges Wasser absondernde Quelle.

Quirinusöl-Quellen: Bericht des Mathias Bartholomäus von Flurl (1756-1823)

1792 veröffentlichte der Geologe, Physiker und Mineraloge Mathias Bartholomäus von Flurl die erste geologische Übersicht von Bayern u.d.T. „Beschreibung der Gebirge von Baiern und der oberen Pfalz“ und begründete damit die hiesige Mineralogie und Geologie. Im Neunten Brief seines Werkes berichtet Flurl auch über die beiden Wiesseer Quirinusöl-Quellen:

„So bald man nun gegen die Hälfte des Sees zurückgelegt hat, so öfnet sich zwischen den an den westlichen Ufern heranziehenden Sandgebirgen, welche mit Kalklagen von verschiedener Mächtigkeit abwechseln, eine kleine Schlucht, zwischen welcher in einem Graben ein kleines Wasser herabstürzt. Steigt man nach der Leitung desselben etwas bergan, so bemerkt man zur Seite schon überall einen durchdringenden bituminösen Geruch, welcher von den häufigen an der Seite hervorquellenden ölführenden Quellen herrühret, die da herum überall in kleine Gruben zu dem Ende gefangen wer­ den, das Oel gelegentlich davon abzuschöpfen.

Die 2 Hauptquellen brechen aber oben auf dem Rücken dieses nicht gar hohen Berges unter der dasigen Nagelfluh, die auf dem Sandsteine aufsitzt, hervor, und eine davon wird von dem Kloster ordentlich in einem hölzernen Kasten zu Sumpf gehalten, die andere aber vermittelt eines ausgezimmerten Kanals in eine von Steinen aufgeführte sogenannte Quirinuskapelle geleitet, und in bessere Verwahrung gebracht. So flüßig auch dieses Oel noch unter der Erde seyn mag, daß es vom Wasser fortgerissen und mit herausgeführt werden kann, so gerinnt es doch am Tage sogleich, und erscheint als ein schlüpfriger Brey von olivengrüner Farbe. Dieser wird dann manchmal mit kupfernen Löfeln abgeschöpft, über einem gelinden Feuer in einen vollkommen flüßigen Stand gesetzt, so in gläserne Fläschchen gefüllt, und von den dasigen Klostergeistlichen an ihre Unterthanen und Verehrer verschenket. In diesem Zustande ist es kaum durchscheinend; sondern vollkommen trübe und braun, und behält stets einen durchdringenden eben nicht gar unangenehmen Geruch. Manchmal nimmt es auch eine gelblichbraune Farbe an, und gerinnt allemal unter dem Grade seiner Temperatur. Mit dem reinen Bergöl oder Naphta hat es das gemein, daß es, wenigstens bey seiner Quelle, wo es angehäuft ist, schon von weitem Feuer fängt. Das Kloster hat es erst vor einigen Jahren erfahren, und dadurch eine ihrer Hüten in Brand gesteckt, wo jezt die oben beschriebene vom Grunde heraus gemauerte Quirinuskapelle steht, durch deren Mauerwerk es den Zufluß des Oeles so gehemmet hat, daß es jetzt kaum mehr die Hälfte von dem Oele erhalten soll, als es vorhin erhalten hat. Der stärkste Zufluß dieses Oeles geschieht im Sommer, da denn die Hitze bis in die unterirdischen Vorrathskammern zu dringen und selbes flüßig zu machen scheint.“

(zit. n. Heim, TT 102, S. 16f.)

Quirinus-Gebete: „Zwey Gebete bei dem Gebrauch dieses heilsamen Oels“

„Heiliger Martyrer und auserwählter Freund Gottes Quirinus! ich bitte dich mit demüthigem Herzen, erhalte mir bei Gott durch deine Fürbitte, daß er mir durch den Gebrauch dieses Oels die Gesundheit des Leibs, Wohlfahrt der Seele, Verzeihung meiner Sünden, eine glückselige Sterbstunde, und nach diesem vergänglichen Leben die ewige Freude und Seligkeit verleihen wolle. Durch unsern Herrn Jesum Christum, der mit dem Vater und heiligen Geiste lebet und regieret von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Heiliger Quirinus! der du wegen Verachtung zeitlicher Hochzeit von Gott durch das wundersame Wasser, welches unter deinem heiligen Leib entsprungen, durch dein heiliges Blut, so aus deinem über 400 Jahr unverwesenen heiligen Leib miraculoser Weis geflossen und durch das heilsame Oel, so durch deine Fürbitte erfunden, und noch fließt, herrlich und glorreich auf der Welt gemacht zu werden vedienest: erwirb uns das Wasser reumüthiger Bußzähren, und so festen Vorsatz, daß wir eher Leib und Leben, Gut und Blut aufsetzen, als Gott mit einer einzigen freiwilligen Sünde beleidigen, und erlange uns hiedurch das Oel des Heils, damit wir Gott in dir, und dich in Gott loben, ehren und preisen mögen in alle Ewigkeit. Amen.“

(zit. n. Halmbacher, Bd. 1, S. 86)

Eine Darstellung des Ölwunders findet sich im Freskenzyklus (1693) in der Vorhalle der Tegernseer Klosterkirche von Hans Georg Asam (1649-1711): Ein Mann und eine Frau (vermutlich Asam und seine Gattin) benetzen Augen und Ohren ihrer beiden Söhne mit dem Öl.