Thomas Plettenberg Textblock 3
Wenn die Leute auf der Alm gern ein Foto von sich und der Kuh machen wollen, was sollen sie aus deiner Sicht als Fotograf dabei beachten?
Es hängt davon ab, wie ich das Foto mache. Trampele ich auf das Tier zu… schwierig! Ich muss mich langsam nähern und Vertrauen aufbauen, wie ich es auch bei einem fremden Menschen machen würde, den ich fotografieren möchte. Sonst funktioniert es nicht. Wenn wir diese schnelle Selfie-Manie betrachten – ‚ich laufe da schnell mal hin und mache mal eben ein Foto‘ – das kann ins Auge gehen. Man geht am besten ganz langsam. Irgendwann kann man vorsichtig die Kamera herausholen. Je länger man sich mit dem Tier beschäftigt, desto zutraulicher und ruhiger wird es.
Warum muss man insbesondere bei Mutterkuhhaltung vorsichtig sein?
Wenn die Mutterkühe gemeinsam mit ihren Kälbern auf der Weide sind, habe ich als Fotograf noch mal mehr Respekt und halte den Abstand. Man muss bedenken, dass die Kühe ihrem Mutterinstinkt folgen und ihre Kinder beschützen wollen. Dann reagieren sie noch sensibler auf Störungen. Da gilt es unten im Tal genauso wie oben auf der Alm: Man geht nicht einfach mal so in die Weide hinein, um die Tiere zu fotografieren. Sie verteidigen ihr Revier, ihren Schutzraum, ihre Jungen. Insbesondere, wenn man einen Hund dabeihat, ist Vorsicht geboten. Daher: Hunde auf der Alm immer anleinen! Und im Fall eines Kuhangriffs die Leine sofort auslassen.
Ist für dich die Kuhfotografie auch eine Art Flucht vor den vielen Menschen, mit denen du von Berufswegen auf Messen und Großveranstaltungen häufig zu tun hast?
Für mich ist es keine Flucht. Ich würde eher sagen, es ist ein Ausgleich, Entschleunigung, andererseits auch eine Herausforderung. Weil bei der Fotografie von Tieren kann man nicht so Einfluss nehmen wie bei Menschen. Die Kühe machen, was sie wollen und das ist wiederum das Schöne. Da kommen die ungeplanten Aha-Momente. Wenn ich jobtechnisch unterwegs bin, spielt sich schon vor dem Ankommen in meinem Kopf ab, wie ich alles in Szene setzen möchte, damit es passt. Bei der Kuhfotografie lasse ich mich auch immer wieder gern überraschen.
Hast du eine Lieblingsalm hier rings um den Tegernsee?
Das ist die Königsalm. Wenn man durch den Wald hinaufgeht und sich unvermutet dieser Almboden öffnet und dann das schöne, denkmalgeschützte Gebäudeensemble auftaucht, das ist immer ein besonderer Anblick. Auch mit ihrer reichen Geschichte – sie heißt ja nicht umsonst Königsalm. Und wenn man von der Königsalm Richtung Hirschberg hinausschaut, das ist für mich immer wieder schön – in vielen Facetten zu allen Tages- und Jahreszeiten. Ich habe die Königsalm auch über die Jahre mit unterschiedlichen Almerern erlebt. Es gibt noch weitere Almen, die ich sehr gern mag – immer im Zusammenhang mit den Menschen, die sie bewirtschaften.
Du fotografierst auch immer wieder den Almabtrieb – was fasziniert dich dabei am meisten?
Beim Almabtrieb sind die Kühe festlich aufgebuscht. Da ich das viele Jahre fotografisch begleitet habe, weiß ich, wieviel Arbeit dahintersteckt. Wie viele Hände über viele Wochen auf der Alm und im Tal daran gearbeitet haben. Aufgebuscht wird nur, wenn Menschen und Tiere wohlauf geblieben sind, wenn im Almjahr nichts passiert ist. Das ist eine große Erleichterung für die Almbauern und ihre Helfer und ein großes Fest für alle. Wenn du dich als Fotograf drauf einlässt, dann spürst du das alles. Auch die Tiere, die sonst so stoisch wirken, sind aufgeregt, weil es wieder heim geht. Außerdem spielt immer ein bisschen der wehmütige Gedanke mit: Es ist schon Herbst, jetzt ist die Almzeit schon wieder vorbei.





