Rudi Gritsch_02, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Rudi Gritsch

Tegernseer Heimatführer - Erlebnisse auf die bayerische Tour

Er engagiert sich im Stadtrat und beim DAV. Seit drei Jahren gehört Rudi Gritsch auch zu den Tegernseer Heimatführern. Unter dem Motto „Wenn man‘s macht, macht man‘s gescheit“ hat er sich auf Ortsführungen durch seine Heimatstadt Tegernsee spezialisiert und stellt dabei neben der reichen Geschichte auch die Ortsentwicklung in den Vordergrund. Außerdem macht er sich für die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus im Tegernseer Tal stark. Wir haben mit ihm über Heimat und Identität, über die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Tegernsee und über Gelassenheit gesprochen.

Steckbrief:
Name: Rudi Gritsch
Geburtstag: 02.10.1958
Geburtsort: Tegernsee
Wohnort: Tegernsee
Worum geht’s? Heimatgefühl
Superpower: Tegernseer Heimatführer, Tegernseer Geschichte und Sehenswürdigkeiten

Was ist dir lieber: See oder Berge?

Berge! Mit sechzehn bin ich zum Bergsteigen gekommen. Alle meine größeren Reisen – von Südamerika über den Kaukasus bis nach Nepal und auch innerhalb der Alpen – waren immer mit dem Bergsteigen verbunden.

Vervollständige den Satz: Heimat ist für mich …

… erst einmal Familie und Freunde. Und dass man mich im Tegernseer Tal irgendwo aus einer Schachtel herausholen könnte und ich weiß augenblicklich, wo ich bin. Jedes Hauseck erzählt Ereignisse aus meinem Leben. Heimat ist, richtig verwoben zu sein mit Orten und Personen. Kürzlich hörte ich bei meiner Führung eine Stimme: „Glaubt‘s ihm nicht alles, was er erzählt!“ Da hatte sich ein Stadtratskollege einen Jux gemacht und unter die Gäste gemischt – sowas passiert dir nur, wenn du zuhause bist. Heimat ist also ein Ort und seine Menschen, aber auch ein Gefühl: Da bin ich zu Hause, da fühl ich mich wohl, da kann ich entspannen. Dazu kommt das besondere Glück, dass diese Heimat mit einer bayerischen Bilderbuchlandschaft gesegnet ist.

Das Wort Heimat steckt auch in Heimatführer, bedeutet das für dich: Da fließt alles zusammen?

Absolut. Ich sage auch bewusst den Gästen meiner Führung, dass ich das Glück habe und mich darauf freue, ihnen meine Heimat zeigen zu können. Dass ich hier geboren und aufgewachsen bin und meinen Hauptwohnsitz immer behalten habe, trotz aller beruflicher Veränderungen. Oft sagen sie, dass man merkt, dass ich hier verwurzelt bin, und aus dem Herzen kommt, was ich ihnen zeige und erzähle.

An der ehemaligen Klosterkirche startet die Tour von Rudi Gritsch

Jeder der Tegernseer Heimatführerinnen und Heimatführer hat ein Spezialgebiet. Worauf hast du dich spezialisiert?

Nach dem Motto „Wenn man‘s macht, macht man‘s gescheit“, wollte ich kein allzu breites Spektrum anbieten und konzentriere mich erstmal auf Tegernseer Stadtführungen. Dabei geht es mir nicht nur um das touristische Sightseeing, sondern auch um die Ortsentwicklung. Das ist ein Thema, das mich bei meiner Arbeit im Stadtrat beschäftigt, wo wir in einer Arbeitsgruppe das kommunale Denkmalkonzept entwickelt haben.

Du bietest aber noch mehr an…

…und zwar geführte Wanderungen rund um den Tegernsee. Außerdem gibt es „Tegernsee von oben“ – eine Führung auf den Höhenwegen, bei denen es mir weniger um die Details in Tegernsee geht als vielmehr um das ganze Tegernseer Tal. Andere Heimatführer haben andere Themen, beispielsweise Toni Wackersberger seine Steinadlerwanderungen.

Heut geht’s auf Ortsführung durch Tegernsee – was erwartet uns?

Bei der Ortsführung ist es wichtig, dass ich etwas über das Benediktinerkloster erzähle, weil das Kloster über 1.000 Jahre die Geschichte des Tegernseer Tals bestimmt hat. Danach geht es fast nahtlos über zu den Wittelsbachern. Beide haben viele Spuren hinterlassen und diese gehen wir ab. Aber wir bleiben nicht in der Vergangenheit stehen, sondern ich stelle auch aktuelle Sorgen und Nöte in Tegernsee vor – Verkehrs- und Wohnraumprobleme, die Enge zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern. Wir werfen also einen Blick in die Vergangenheit, auf heutige Herausforderungen und vielleicht auch darauf, wo es Lösungsansätze gibt für die Zukunft.

Welche drei Highlights in Tegernsee sollte man unbedingt ansehen?

Das eine ist das ehemalige Kloster und unsere wunderschöne Barockkirche – vom baulichen her und der Bedeutung für Tegernsee. Das zweite ist die Rosenstraße mit den schönen Gebäuden im Heimatstil, weil man daran sehen kann, wie man hier gelebt und gearbeitet hat. Und als drittes sucht man sich einen schönen Aussichtspunkt – an der Länd oder oben am Berg, beispielsweise unterhalb des Hotels Das Tegernsee, um einmal das Tegernseer Tal als Ganzes in sich aufzunehmen. Der Gesamteindruck entsteht sehr gut, wenn man sich mal diese drei Dinge anschaut.

Welche drei Fakten über Tegernsee sollte jeder wissen?

Erstens, dass wir hier eine über 1.250-jährige Geschichte haben. Sie hat Spuren, Gebäude, Straßen, Strukturen und Landschaften hinterlassen, die langsam gewachsen sind. Zweitens, dass im Tegernseer Tal gar nicht so viele Menschen leben. In der Stadt Tegernsee sind es etwa 4.000, im gesamten Tal etwa 25.000. Aber jedes Jahr kommen um die vier Millionen Tagesgäste her. Das ist eine echte Herausforderung. Und drittens: Das Kloster hat in seiner über tausendjährigen Geschichte nur zweimal kurz vor der Auflösung gestanden. Dazwischen gab es immer wieder Jahrhunderte der Kontinuität. Wir tragen die Verantwortung, diese Geschichte weiterzuschreiben und dabei die Balance zu finden zwischen bewusster Bewahrung und aktiver Erneuerung, denn Stillstand bedeutet Rückschritt.

Anlässlich des 80. Jahrestages zum Ende des II. Weltkrieges ist noch eine neue Tour dazu gekommen: „Leben zwischen Idyll und Ideologie - Der Tegernsee in der Zeit des Nationalsozialismus.“ Worum geht es?

Die Führung nimmt eine Zeitspanne zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den Fokus, zu der es bisher kaum öffentliche Angebote gab. Die Gäste erfahren, wie die Zeit sich vor Ort dargestellt hat – bis hin zu einem spannenden Kriegsende, als das Tal durch den Mut einiger Männer friedlich an die Amerikaner übergeben werden konnte, statt bombardiert zu werden. Es geht auch darum, wie jüdische Bürger das Tal verlassen mussten und sich zugleich immer mehr Nazigrößen – deshalb „Lago di Bonzo“ – niederließen. Die starke nationalsozialistische Präsenz wurde auch durch Hitlers mehrmalige Auftritte unterstrichen. Wir zeigen außerdem, wie diese Zeit vor Ort aufgearbeitet wird, etwa vom Hotel Blyb, den Schulen, dem Olaf Gulbransson Museum und Museum Tegernseer Tal sowie dem Tegernseer Tal Verlag.

Die Tour zum Nationalsozialismus führt u.a. in die Rosenstraße
Rudi Gritsch - Tour Nationalsozialismus

Wie seid ihr bei der Recherche zur Geschichte der NS-Zeit am Tegernsee vorgegangen?

Wir sind keine Historiker, „nur“ Heimatführer. Wir haben zunächst viele Quellen angezapft und dahingehend ausgewertet, was im Rahmen einer Führung interessant sein könnte. Dann haben wir die Themen sortiert und Stationen zugeordnet. Die Führung in der Stadt Tegernsee ist als erstes Modul entstanden. Künftig kann sie auch übertragen werden auf einen Spaziergang in den anderen Talgemeinden, auf eine Wanderung auf dem Höhenweg von Tegernsee nach Gmund zum Hotel Blyb oder auf eine Schiffrundfahrt. Außerdem entwickeln wir derzeit eine Busrundtour-Führung für unsere Schulen.

Du bist seit 2002 im Stadtrat von Tegernsee. Was möchtest du dort bewirken?

Da hat mich der Gedanke geleitet: Bevor ich auf die anderen schimpfe, probiere ich es selbst mal. Ich wollte die Fäden mit in die Hand nehmen und den Ort, das Ortsgeschehen mitgestalten und erleben, welche Überlegungen dabei notwendig sind, bis am Ende eine Entscheidung getroffen ist. Es gibt den Satz: Gott gebe mir die Kraft, Dinge zu ändern, die man ändern kann, die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die man nicht ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Das finde ich wichtig, weil man nicht alles ändern kann. Gott sei Dank entscheidet bei uns die Mehrheit. Wenn die Entscheidung gefallen ist, dann ist sie so. Jeder hat seine Argumente auf den Tisch gelegt, jeder war bei der Abstimmung frei in seiner Entscheidung und dann muss man es auch mal so hinnehmen. 

Du bist auch langjähriger Tourenführer der DAV-Sektion Tegernsee…

Durch einen Freund bin ich mit 16 Jahren zum Klettern und zum Alpenverein gekommen. Ich habe die Jugendleiterausbildung gemacht und war einer der ersten, die in den 80er Jahren eine Fachübungsleiterausbildung für Skihochtouren absolviert haben. Als Tourenleiter der Sektion Tegernsee habe ich über 40 Jahre lang viele „Bergsteiger-Generationen“ auf Wanderungen, Klettertouren, Skitouren, Skihochtouren und Hochtouren im vergletscherten Gelände begleitet. Als Heimatführer biete ich nur leichte Wanderungen an – da habe ich mich auf die kulturellen Themen spezialisiert. Beides ergänzt sich sehr gut für mich.

Hauptberuflich hast du etwas anderes gemacht, nämlich…

Nach dem Abi am Gymnasium Tegernsee habe ich zunächst eine zwölfjährige Offizierslaufbahn in der Bundeswehr eingeschlagen. Nach dem Informatik-Studium an der Universität der Bundeswehr kam ich zu den Gebirgsjägern nach Mittenwald, wo ich auch zum Heeresbergführer ausgebildet wurde und unter anderem als Kompaniechef eingesetzt war. Danach wechselte ich in die Industrie zum größten bayerischen Chemiekonzern nach München, wo ich in über 30 Jahren verschiedenen Fach- und Führungsfunktionen innehatte. Ich durfte auf Dienstreisen viele Länder weltweit besuchen und bei der Rückkehr ins Tegernseer Tal immer wieder das Gefühl erleben: Hier bin ich daheim, das ist meine Heimat… und welches Privileg es ist, hier und unter diesen Bedingungen leben zu dürfen.

Beim Eintritt in den Ruhestand hast du gemerkt, dass das mit der Ruhe nichts für dich ist, und hast noch die Heimatführerausbildung gemacht?

Ich war während meines Berufslebens immer im Tal engagiert. Auch die Idee, nach Eintritt in den Ruhestand als Gästeführer zu arbeiten, war schon lange da. Ich hatte mir das allerdings leichter vorgestellt (lacht). Zunächst hieß es, in ein halbes Jahr Ausbildung zu investieren, mir viel Wissen anzueignen und eine Prüfung abzulegen. Letztendlich bin ich sehr froh über die Breite der Ausbildung, weil ich viel auch für mich gelernt habe. Ich sehe das aber eher als Berufung, weil ich unseren Gästen gern etwas mitgeben möchte.

Rudi Gritsch führt entlang der Länd
Rudi Gritsch - Länd

Was für Gäste wünschst du dir bei deinen Führungen?

Ich wünsche mir diejenigen, die gezielt das Tegernseer Tal besuchen und das hier nicht als erweiterten Arm des Englischen Gartens in München sehen, sondern als Kultur- und Naturraum und Ort, wo Menschen zu Hause sind. Ich wünsche mir auch einen gewissen Respekt statt des Anspruches, bespaßt zu werden. Also jemanden, der sich mit allen guten Eigenschaften eines Besuchers darauf einlässt, sich dem Tegernseer Tal hinzugeben und sich dafür auch Zeit zu nehmen. Und ich wünsche mir, dass die Leute offen sind, sich überraschen zu lassen und mit den Augen eines Neugierigen die Führungen mitmachen. Dann nehmen sie einfach mehr für sich mit.

Verrätst du deinen Lieblingsplatz im Tegernseer Tal?

An der Point, am liebsten am Abend, wenn nicht mehr viele Leute da sind und sich die untergehende Sonne im See spiegelt. Außerdem liebe ich das kleine Wegstück unterhalb des Hotels Das Tegernsee: Dort hat man schon nach wenigen Schritten bergauf einen herrlichen Blick. Auch an der Länd, wo Thomas Plettenberg mich fotografiert hat. Und natürlich der Wallberggipfel, dem das ganze Tal zu Füßen liegt. Man sieht im Süden bis zum Alpenhauptkamm mit Großglockner, Großvenediger und den Gipfeln entlang der Grenze zu Italien. Im Norden reicht der Blick bis nach München, wo zwei Millionen Menschen auf einem Haufen leben, während man vielleicht gerade allein am Gipfel steht – das ist schon sehr besonders.

Was empfiehlst du Besuchern des Tegernseer Tals?

Alle Berge rings um den Tegernsee sind auf leichten Wegen erreichbar, zu Fuß oder mit dem Radl. Auf fast allen diesen Wegen findet man auch eine Alm oder eine Wirtschaft, wo man den Tegernsee kulinarisch genießen kann. Außerdem bietet der ganze See ein breites Spektrum: Schifferlfahren, Schwimmen oder SUP-Touren. Und wenn das Wetter mal nicht so mitspielt, kann man die Kirchen, Museen und die Baukultur entdecken. Und ein Besuch im Bräustüberl bei Wirt Peter Hubert, wo ich seit fast 50 Jahren einen Stammtisch habe, gehört natürlich auch zum Pflichtprogramm.

Was macht für dich den Tegernsee noch aus?

Hier ist trotz des hohen touristischen Anteils nicht der Ballermann. Man kann selbst an einem bevölkerten Schönwetterwochenende allein sein. Man muss nur wissen, wo. Wenn man die Augen aufhält, findet man die Orte. Das möchte ich den Leuten mitgeben: Auch mal den Mut haben, etwas selbst zu entdecken. Bei all den Angeboten auf Instagram und den vielen Reiseblogs verschenken viele die Möglichkeit, sich überraschen zu lassen. Sie haben vorab digital alles schon bei schönstem Wetter gesehen. Wenn es dann in Echt nicht genauso ist, sind sie enttäuscht. Das finde ich schade. Wenn man‘s umdreht: Jetzt fahre ich mal an den Tegernsee und lasse mich überraschen, und dann mache ich vielleicht auch noch eine Führung mit… Das macht die Gäste wesentlich zufriedener, weil sie es sich selbst erarbeitet haben.

Rudi Gritsch führt entlang des Seeufers

Dein Motto?

Ich liebe diesen Spruch von den Peanuts… Snupy und Charly Brown sitzen auf einem Steg und schauen aufs Wasser, da sagt Charly Brown: „Du lebst nur einmal.“ Und Snupy erwidert: „Falsch, du stirbst nur einmal, du lebst jeden Tag!“ Daraus kann ich etwas mitnehmen für mich – dass man aus jedem Tag etwas für sich macht.

... oder wie man in Bayern gern sagt: „San ma froh, dass so is wie’s is, denn auch wenn ma nicht froh wär‘n, wär‘s genauso.“ Wenn man auch mal annehmen kann, was sich nicht ändern lässt, und allem mit einer gewissen Gelassenheit begegnet, kommt man gut über die Runden.

Bekommt man so eine Gelassenheit in den Bergen?

Ja, absolut. Erstmal bist du langsam unterwegs, weil es steil bergauf geht. Du hebst dich Schritt für Schritt aus dem Alltag heraus, aus den Sorgen und Herausforderungen. Du gewinnst immer mehr Überblick, während gleichzeitig jede Sorge oder Herausforderung immer kleiner wird. Wenn du oben stehst und runter schaust, ist das, was dich vielleicht eine Woche lang geärgert oder beschäftigt hat, plötzlich ganz klein. Allein, dass man oben einen Blick für das große Ganze bekommt, ist hilfreich, sodass man sich dann auch wieder mit den Details beschäftigen kann.

Weitere Infos:

Regelmäßige öffentliche Gästeführungen der Tegernseer Heimatführer buchen Sie bequem über die TEGERNSEE WEB APP.

Alle Tegernseer Heimatführerinnen und Heimatführer stellen sich mit ihren Tourenangeboten vor. Alle Touren sind auch individuell buchbar – einzeln, in der Familie, in Gruppen.

Impressionen

Rudi Gritsch 2, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Rudi Gritsch 2

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Rudi Gritsch 3, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Rudi Gritsch 3

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Rudi Gritsch 4, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Rudi Gritsch 4

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Rudi Gritsch 5, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Rudi Gritsch 5

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Rudi Gritsch 6, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Rudi Gritsch 6

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)

Rudi Gritsch 7, © Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)
Rudi Gritsch 7

© Der Tegernsee (Thomas Plettenberg)